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Kurt Cobain:Riecht nach Hemd

Anfang der neunziger Jahre löste Kurt Cobain ein musikalisches Erdbeben aus. Grunge war geboren und Teenager auf der ganzen Welt wollten so wütend und verletzlich sein wie der Nirvana-Sänger. Symbol dafür war das Flanellhemd.

Vor einem Jahr hatte Courtney Love genug. Sie ließ den Besitz ihres toten Ehemanns Kurt Cobain versteigern, denn ihr Haus sollte nicht länger ein Mausoleum sein. Love verkündete: "Meine Tochter muss keine riesigen Taschen voll mit verfluchten Flanellhemden erben."

Kurt Cobain im Video von "(Smells like) Teen spirit".

(Foto: Foto: YouTube)

Im US-Bundesstaat Washington waren die Hemden seit Jahrzehnten beliebt und da neben Nirvana auch die anderen Musik-Helden wie Soundgarden, Alice in Chains oder Mudhoney aus Seattle stammten, wurden die Arbeiterkleidung zum Dresscode des Grunge.

Cobain trug oft grünkarierte Hemden - immer ausgewaschen und zu groß, als hätte er sie eben aus der Wühlkiste eines Kleidermarkts oder von der Heilsarmee bekommen. Dazu die kinnlangen blonden Haare, die das schmale Gesicht mit den Bartstoppeln und den traurigen Augen umrahmten. Traurig war Kurt Cobain, Jahrgang 1967, und voller Wut. Die erste Nirvana-Platte "Bleach", aber vor allem das zweite Album "Nevermind" aus dem Jahr 1991 waren von einer selten gehörten Intensität. Die unbekannte Band verdrängte Michael Jackson von Platz 1 der US-Charts und kurze Zeit später sprangen Jugendliche in aller Welt zu "(Smells like) Teen Spirit" durch Partykeller und Kinderzimmer.

An der Wand hingen Poster mit dem Titelbild der Nevermind-Platte - ein schwimmendes Baby greift nach einer Dollarnote - oder Aufnahmen von Bassist Krist Novoselic, Drummer David Grohl und Kurt Cobain. Legendär ist das Bild, auf dem sich Cobain eine Schrotflinte in den Mund steckte - das Spiel mit dem Tod faszinierte viele Fans, ohne zu ahnen, dass sich Cobain einige Jahre später erschießen würde.

Cobain, dessen Eltern sich früh scheiden ließen und der an Schlafstörungen litt, machte nie einen Hehl daraus, dass ihm die Rolle als Jugendidol und Vorbild der "Generation X" zuwider war. Seine Zerrissenheit spiegelte sich in der Musik: Nirvana spielte punkig laut, mit oftmals verzerrten Metal-Gitarrenriffs, dann wieder leise und melodiös. Der Seattle-Sound wurde als "Grunge" (wörtlich "Dreck") bekannt, klang roh und ungekünstelt - dazu passte der Klamottenstil: zerrissene Jeans, schlabbernde T-Shirts, die ausgewaschenen Flanellhemden und die langen Haare.

Sucht man alte Klassenfotos der Jahre 1992 oder 1993 heraus, tragen fast alle Jungs diese Hemden. Kein Wunder, es dauerte leider zu lange, bis die Haare Kinnlänge hatten und so wütend-traurige Augen hatte auch keiner.

Leidenschaftlich diskutierten wir auf dem Pausenhof, welche Band besser sei - was früher "Beatles" oder "Stones" war und später "Oasis" oder "Blur" werden sollte, lautete in diesen Tagen "Nirvana" oder "Pearl Jam".

Die Berichte in der Bravo und später im Metal Hammer über Cobains Heroin-Sucht oder die Skandal-Ehe mit Courtney Love verschlangen wir, ohne so richtig etwas zu verstehen. 1994 spielte Nirvana, das Album "In Utero" war gerade erschienen, ein Konzert in München und viele Klassenkameraden pilgerten hin. Ich hatte kein Geld und schwor mir, das nächste Mal zu gehen.

Dazu sollte es nicht mehr kommen: Am 5. April 1994 wird Kurt Cobain von einem Elektriker tot in einem Anbau seiner Hauses gefunden, neben ihm ein Gewehr. Die Behörden diagnostizieren Selbstmord, auch wenn Fans auf andere Theorien verbreiten und online "Gerechtigkeit für Kurt" fordern. In seinem Abschiedsbrief soll er Neil Young zitiert haben: "It's better to burn out than fade away". Cobains Körper wurde eingeäschert, doch bis heute hat sich kein Friedhof gefunden, auf dem der Rocker seine letzte Ruhe finden könnte - die Behörden wollen keine Pilgerstätte wie es der Pariser Friedhof Père Lachaise für Doors-Sänger Jim Morrison.

Die Flanellhemden gibt es noch immer: Sie liegen heute im Kinderzimmerschrank bei den Eltern. Tragen möchte man sie nicht mehr, zu sehr erinnern sie heute an Maschinenbauer und Mathe-Nerds. Doch auch im Jahr 2008 gehören "Come as you are", "Rape me" und "(Smells like) Teen Spirit" zu den großen Partykrachern - jeder kennt sie und mag sie irgendwie. Kein Wunder, schließlich ist das Video zum Song der meistgespielte Clip auf MTV und Cobains Gesicht gehört wie Helmut Kohl oder Bill Clinton zu den neunziger Jahren.

Leicht verstört lasen wir, dass Kurt Cobain seit 2006 der "am besten verdienende Tote" der Welt ist und mit Lizenzen und Werbeeinnahmen mehr einnahm als Elvis Presley. Reichtum war für Cobain nicht wichtig, insofern passte das Flanellhemd wunderbar. Und hoffentlich hatte Witwe Courtney Love doch das eine oder andere Hemd für Tochter Frances Bean auf-gehoben. Sie sagte damals, die heute 14-Jährige soll "nur eine Gitarre, einen Pullover sowie den Text von '(Smells like) Teen Spirit'" bekommen. Das grünkarierte Hemd sollte dabei sein, Courtney!

Kurt Cobain

Rockstar in Hemdsärmeln