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Kulturgut Alkohol:Drogen nur zu religiösen Anlässen

Das geht vom humorigen "holländischen Fest", womit man im England des 18. Jahrhunderts eine Party bezeichnete, auf welcher der Gastgeber noch vor seinen Gästen betrunken ist, bis zu jenen antiken Horrorgeschichten, welche die Ionier über ihre lydischen Rivalen verbreiteten: So sei zum Beispiel ein lydischer Herrscher einst nach einer durchzechten Nacht mit der abgebissenen Hand seiner Frau im Mund aufgewacht. Christliche Missionare identifizieren Trancezustände, die sie bei ihren eigenen Heiligen zu göttliche Visionen verklären, dann als dämonische Besessenheit, sobald sie bei den heidnischen Subjekten ihrer Mission auftreten.

Auch die erwähnte Missbilligung neuzeitlicher Pillenfreaks gehört hierher: Während Ecstasy-Adepten von euphorisierender Offenheit und Nähe zu ihren Tanzkumpanen schwärmen und ihre Droge liebevoll als "hug drug" bezeichnen (von to hug = umarmen), prophezeit ihnen eine dem Alkohol verbundene Öffentlichkeit Antriebsschwäche und massive Hirnschädigung, Symptome also, wie sie in jeder Broschüre über Alkoholmissbrauch zu finden sind.

Exzessiver Weingenuss und geistreiche Unterhaltung

Traditionell schützte man sich gegen derartige Gefahren, indem Drogen nur zu religiösen Anlässen genossen wurden, deren rituelle Ordnung dem Exzess eine starke Verbindlichkeit verlieh. Das antike Griechenland kannte das Amt des Symposiarchen, der den Vorsitz beim Symposion führte, jener kultivierten Form des Gelages, bei dem sich exzessiver Weingenuss mit geistreicher Unterhaltung verband. Dem Symposiarchen oblag es unter anderem dafür zu sorgen, dass alle Teilnehmer in etwa den gleichen Grad an Trunkenheit erreichten, er musste aber auch einschreiten, wenn einzelne Gäste sich in Privatgesprächen ergingen und so dem Geist der Geselligkeit zuwiderhandelten.

Der Brauch, bedeutende Themen unter Alkoholeinfluss zu besprechen, geht wohl auf die archaische Vorstellung vom sakralen Charakter des Rausches zurück, während dem das Bewusstsein für höhere Eingebungen empfänglich ist. Bei Herodot heißt es, die alten Perser hätten wichtige Angelegenheiten gewöhnlich im Rausch besprochen, um sie dann am nächsten Tag noch einmal nüchtern zu beurteilen. Umgekehrt würden Entscheidungen, die nüchtern zustande gekommen waren, noch einmal in trunkenem Zustand beraten. Ähnliches berichtet Tacitus von den Germanen, und noch heute soll es in Russland und China durchaus üblich sein, bei Geschäftsverhandlungen solange zu trinken, bis keine Partei mehr zu irgendwelchen Hinterhältigkeiten fähig ist.

Wenn uns derartiges Geschäftsgebaren als absurd erscheint, dann deshalb, weil sich unsere Einstellung dem Rausch gegenüber grundsätzlich geändert hat. Mit dem Beginn der Neuzeit geriet der kollektive Rausch in Verruf. Dem aufstrebenden Bürgertum, das individuelle Leistungsfähigkeit gegen adelige Geburt in Stellung gebracht hatte, galt der Rausch als Pflichtverletzung, und der Exzess als asoziales Verhalten, das dem dekadenten Adel und anderen verkrachten Existenzen überlassen bleibt.

Getrunken wurde deshalb nicht weniger - dazu waren die Lebensumstände des Großteils der Bevölkerung viel zu elend und der Schnaps viel zu billig -, der Rausch allerdings verlor seinen gemeinschaftlichen Rückhalt.

Im Gegenteil: Wer jetzt nicht um der bloßen Betäubung willen trank, tat es "um die Individualität zu steigern", so Charles Baudelaire, der sich dabei an Absinth, Haschisch, Opium und Laudanum (mit Opium versetzter Wein) hielt. Der Künstler, der sich vom einsamen Rausch einzigartige Inspiration verspricht, tut damit auch seine Verachtung für bürgerliche Moralvorstellungen kund, für jenen geschäftstüchtigen Positivismus, der der "Entzauberung der Welt" (Max Weber) Vorschub geleistet hatte.

Eine Ära genialischer Großtrinker

Bis weit ins 20. Jahrhundert animierte dieses Ideal zahllose Künstler (und solche, die es werden wollten) zu intensiven Rauscherfahrungen. Als letztes Manifest dieser Ära genialischer Großtrinker, -raucher und -schnupfer könnte vielleicht Ernst Jüngers Essay Annäherungen gelten. Jünger interpretiert hier eigene und literarische Drogenerlebnisse (mit Alkohol, Äther, Chloroform, Haschisch, Lachgas, Laudanum, LSD, Meskalin, Nikotin und Opium) als aus Erkenntnisdurst heraus unternommene geistige Abenteuer, die nur besonders begabte und disziplinierte Individuen unbeschadet und mit Gewinn bestehen könnten.

Als das Buch 1970 erschien, wehte indes gerade ein ganz anderer Wind. Die Jugend der westlichen Welt hatte eine Revolution ausgerufen, die der gesamten Menschheit Freiheit, Liebe und Glück verschaffen sollte. Bewusstseinserweiterung war der Weg dorthin, Haschisch, Heroin und LSD die bevorzugten Transportmittel, bei Bedarf auch etwas direkte Aktion: "High sein, frei sein, ein bisschen Terror muss dabei sein" war eine Devise.

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