Küste Der Briefträger im Watt

Auf die Insel Süderoog in der Nordsee führt keine einzige Straße. Die Post bringt Knud Knudsen zu Fuß. Er wandert dafür zwei Mal die Woche stundenlang durchs Watt.

Von Thomas Hahn

Wenn sich das Meer zurückzieht, kann Knud Knudsen los. Dann schultert er den Rucksack mit den Briefen, stapft über den Deich im Westen von Pellworm und weiter durchs Watt. Im Sommer tut er das besonders gern. Da braucht er keine Schuhe für die Wanderung und der Wind fühlt sich angenehm an. Er geht mit festen, ruhigen Schritten über den nassen Schlick. Er beeilt sich nicht. Trotzdem kommt er gut voran auf dem Weg nach Süderoog.

Viele Menschen glauben, dass sie am schnellsten sind, wenn sie Autos, Züge oder Flugzeuge benutzen. Aber an manchen Orten bringen solche Maschinen nichts. Da ist man am schnellsten, wenn man in aller Ruhe zu Fuß geht. Wie Knud Knudsen, der als einziger Wattpostbote Deutschlands zwei Mal pro Woche die Post von der Insel Pellworm zur Hallig Süderoog bringt.

Wenn die Flut einsetzt, wird der Heimweg gefährlich

Als Watt bezeichnet man den Teil des Meeres, der bei Ebbe so trocken wird, dass man über den Meeresboden spazieren kann. Die Hallig Süderoog liegt mitten im Watt. Eine Hallig ist eine kleine Insel, die nur knapp über dem Meeresspiegel liegt und deshalb bei Sturm unter Wasser verschwinden kann. Süderoog ist eine besonders kleine Hallig. Es gibt dort nur ein Haus, das auf einem Hügel steht. Dort leben drei Menschen: Nele Wree, Holger Spreer und deren Baby Fenja. Kein Auto, kein Zug, kein Flugzeug fährt zu ihnen. Es gibt ein Boot, aber das muss einen Umweg nehmen. Der direkteste Weg führt zu Fuß durchs Watt. Deshalb kommt die Post wie vor hundert Jahren mit dem Wattpostboten.

Früher lag die Aufgabe über Generationen bei der Familie Liermann. Später übernahm Jens Jensen. Dessen Nachfolger wurde vor 17 Jahren Knud Knudsen. Knudsen ist auf Pellworm geboren und von Beruf Wasserbauer. Er kümmert sich um die Anlagen, welche die Küste vor Sturmfluten schützen. Wenige kennen das Watt so gut wie er. Wattpostbote war so etwas wie ein Traumjob für ihn. Er ist 63 Jahre alt und will noch lange weitermachen. "Ich laufe gern", sagt er.

Die Post, die er nach Süderoog bringt, kommt von der Pellwormer Postfiliale in sein Haus. Dort sortiert er die Briefe. Die Briefe, die an ihn adressiert sind, behält er. Die für Süderoog packt er in eine Plastiktüte, damit sie auf der Wanderung nicht nass werden. Die Plastiktüte steckt er in den Rucksack. Pakete kommen auch in den Rucksack. Außer sie sind zu groß. Dann hält Knud Knudsen sie zurück und wartet, bis Holger Spreer doch mal mit dem Boot in Pellworm anlegt.

Knud Knudsen erreicht das Haus von Nele Wree und Holger Spreer auf der Hallig Süderoog. Die Post steckt im Rucksack.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eineinhalb Stunden dauert ein Weg. Sieben Kilometer beträgt die Strecke. Schweigend marschiert Knud Knudsen durch die Weite des Watts. Er sieht Vögel am Himmel, Muscheln im Schlick. Und wenn der Wind nicht so laut pfeift, hört er, wie die Kleintiere im Boden atmen. "Das klingt wie ein ganz leichtes Knistern", sagt er.

Nele Wree und Holger Spreer pflegen die Hallig im Auftrag der Regierung von Schleswig-Holstein. Sie halten Tiere, zählen Zugvögel, schützen die Natur. Wenn Knud Knudsen die Post abgegeben hat, bleibt er noch ein bisschen bei ihnen. Sie reden und trinken Kaffee. Im Sommer kommen oft Touristen vorbei - viele mit Knudsen, der nämlich auch Wattführungen veranstaltet. Aber im Winter wird es einsam auf Süderoog. "Dann bin ich manchmal der einzige Besucher." Knud Knudsen darf trotzdem nie zu spät aufbrechen. Wenn die Flut einsetzt, wird der Heimweg gefährlich.

Im Herbst beginnt die Sturmsaison. Es kommt vor, dass das Meer die Wiesen von Süderoog überflutet und nur noch der Hügel und das Haus aus den Wellen aufragen. Knud Knudsen kann dann nicht los. Die Post muss warten. "Spielt keine Rolle", sagt er. Ein Wattpostbote lässt sich nicht hetzen.