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Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele:Letzter Akt

Sven-Eric Bechtolf geht in seine letzte Spielzeit - Kritiker halten ihn für arrogant und altmodisch. Unterwegs mit einem, der die Theaterhölle liebt.

Darf der künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele, der jedes Jahr im August fast 200 Opern, Theaterstücke und Konzerte zur Aufführung bringt, öffentlich sagen, dass Theater und Oper "die Hölle" sind?

Vielleicht darf er nicht, aber er muss. Sven-Eric Bechtolf, Leiter eben dieser Festspiele, spielt vom 14. August an nämlich den Doktor in Thomas Bernhards Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige". Und dieser Satz ist Teil seiner Rolle. Es sei auch einer seiner Lieblingssätze in diesem Stück, sagt er und wiederholt ihn laut auf der Straße, auf dem Weg zu seinem Intendantenbüro im Festspielhaus: "Das Theater, insbesondere die Oper, geehrter Herr, ist die Hölle!" Er lacht. Niemand horcht auf oder dreht sich um, vielleicht, weil in der Altstadt an diesem Mittag fast nur chinesische Touristengruppen unterwegs sind.

Am 27. August gegen 22 Uhr wird im Landestheater nach neun Vorstellungen der letzte Vorhang für diese Aufführung fallen, Sven-Eric Bechtolf wird sich vor dem Publikum verneigen. Einen Tag später gehen die Salzburger Festspiele mit einer Mozart-Matinée zu Ende, und damit auch jene zwei Jahre, in denen Bechtolf für das Gesamtprogramm verantwortlich war. Länger war nie geplant.

Er fürchtet den Abschied nicht und hat doch ein mulmiges Gefühl. Er wird das Intendantenzimmer räumen für seinen Nachfolger, Markus Hinterhäuser. Die drei schwarzen Ledersofas wird er dalassen, seinen Schreibtisch, "günstigstes Ikea", und die Bücherregale auch. Vieles ist ein bisschen unordentlich hier, nichts beeindruckend. Über einem der Sofas hängt das offizielle Plakat der Festspiele 2016, über dem anderen ein Sprachkunstwerk von Hans Magnus Enzensberger, zwei weiße Meterstäbe; der obere zeigt die Zentimeter, der untere Grußformeln: "Mit freundlichen Grüßen, mit hämischem Grinsen, mit mürrischem Grunzen, mit öligem Heucheln, mit schamlosen Klauseln, mit christlichem Frösteln, mit albernem Gackern". Die Meterstäbe gehören nicht ihm, sondern der Sammlung Würth, das Klapprad schon, das auch in diesem Zimmer steht, und mit dem er, wenn es eilig ist, durch die Altstadt radelt. Er wird es in irgendeinen Kofferraum verstauen, wird die Fotos seiner Familie auf seinem Schreibtisch einpacken, seine Bücher, auch die kleine Drehorgel, die das "Meckie-Messer"-Lied spielt. Das war's dann.

Zuletzt wird er sich von seinen Mitarbeitern verabschieden und versuchen, "weder sentimental noch ruchlos zu sein, sondern aufmerksam. Hoffe ich." Er sagt es nicht traurig, nicht fröhlich. Sein Haus bei Salzburg, in dem er zur Miete wohnt, wird er nicht mehr brauchen, er wird zurückgehen nach Wien, wo er seit vielen Jahren eine Wohnung hat. Künstlerischer Leiter der Festspiele ist ein Ganzjahres-Job, erst recht, wenn man obendrein jedes Jahr eine Mozart-Oper inszeniert und diesmal auch noch in einem Theaterstück die Hauptrolle spielt. Arbeit, deren Endspurt den eigentlichen Höhepunkt bedeutet - 44 Tage im Sommer, in denen Salzburg der Weltmittelpunkt der Kultur ist. Oder sein will.

Salzburg, diese kleine Stadt, lebt ja nicht nur von der großen Kunst, sondern auch von seiner Geschichte. Mozarts Geburtshaus, Getreidegasse, die Fiaker und das Große Festspielhaus, Residenzplatz und Dom, auf dessen Vorplatz bei schönem Wetter der immer ausverkaufte "Jedermann" gespielt wird. Der Mönchsberg, das berühmte Hotel "Goldener Hirsch", das Café Tomaselli, alles da. Wer Glück hat, läuft sogar Anna Netrebko über den Weg, eine der Säulen der Festspiele.

Die "Geheime Specerey" gehört nicht zu den berühmten Kaffeehäusern, obwohl sie in der Sigmund-Haffner-Gasse liegt, dem Trampelpfad fast aller Besucher. Sven-Eric Bechtolf trinkt hier oft einen Espresso, zahlt jedoch nicht, sondern irgendwann später, man kennt ihn da. Von hier aus sind es vielleicht 300 Meter zu seinem Büro. Es ist einer der schönsten Wege, die man überhaupt haben kann zu einem Arbeitsplatz: Seine Lieblingskirche, die Kollegienkirche, befindet sich hier, "ein Stein gewordenes Verlangen ohne Ziel", wie er sagt. Dann biegt er ab in einen kleinen Durchgang zum Wilhelm-Furtwängler-Garten, und als könnte er mit einem Fingerschnipps Menschen verschwinden lassen, liegt der Garten fast verlassen vor ihm. Schon kommt Bechtolf am Max-Reinhard-Platz vorbei, gleich rechts steht ein Schiller-Denkmal und keine drei Meter weiter: fünf Gurken aus Stein, Skulpturen des Bildhauers Erwin Wurm. Geballte Weltkultur auf kleinstem Raum. Einmal über die Straße, hinüber ins Festspielhaus, dann erreicht er sein Büro.

Von seinem Arbeitsplatz aus kann Sven-Eric Bechtolf in fünf Minuten jede Sehenswürdigkeit in Salzburg zu Fuß erreichen - der Blick von der Terrasse ist herrlich.

(Foto: Luigi Caputo)

Einer wie er hat ja Macht, nach oben ist da, was die Kultur angeht, kaum noch Luft. Er steht an der Spitze von 216 Mitarbeitern, legt ein Programm mit 191 Aufführungen fest, kann Karrieren fördern oder eben nicht, kann die Besten der Besten engagieren, kann bei Komponisten und Dramatikern neue Stücke bestellen, verkündet, wer die sehnlichst erwartete neue Buhlschaft spielen wird, in diesem Jahr Miriam Fussenegger. Und er verfügt über ein Budget von etwa 60 Millionen Euro.

Er sagt: "Ich erlebe die Machtlosigkeit viel stärker als die Macht."

Natürlich wird auch was verlangt dafür. Dass sich die 270 000 Karten an den 44 Spieltagen gut verkaufen, zum Beispiel, dass die Medien über Salzburg berichten, über seine Kultur, aber auch über seine Schönheit, seine Prominenten, seine Künstler, seine Umgebung. Dass also der Fremdenverkehrsverband genauso zufrieden ist wie das Kuratorium der Festspiele - und idealerweise auch die Kritik. Vor allem aber muss es ihm gelingen, die 191 Vorstellungen reibungslos über die Bühne zu bringen, ein organisatorischer Kraftakt.

Wird er die Macht vermissen? "Ich finde nicht, dass ich welche habe", sagt er, schwarz gekleidet auf einem der schwarzen Sofas sitzend. "Ich meine das ausdrücklich nicht kokett. Natürlich kann ich Einfluss nehmen auf die Karrieren von Menschen, das tun Hochschullehrer aber genauso. Ich erlebe die Machtlosigkeit viel stärker als die Macht."

Er trinkt nun Glas um Glas von jenem grünen Smoothie, den er sich jeden Morgen zu Hause mixt. Ununterbrochen macht ihn sein Handy auf dem Schreibtisch durch kurzes Bimmeln auf neue E-Mails und Sprachnachrichten aufmerksam. Er ignoriert sie. Er denkt nach. Er raucht E-Zigarette, ein Riesentrumm, das nach Shisha-Pfeife riecht. "Ich bin dem Kuratorium verpflichtet, dem Staat Österreich, dem Fremdenverkehrsamt, den Mitarbeitern, ich unterliege Geldzwängen. Man muss ständig Kompromisse machen und erfährt subjektiv ununterbrochen Einschränkungen."

Seine Stimme ist wohltönend und raumfüllend, tief und leicht schnarrend. Nach 30 Jahren auf Theaterbühnen weiß er, was er machen muss, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich zu ziehen - selbst wenn wie heute nur einer da ist. Arroganz, eine Eigenschaft, die ihm in fast jedem Zeitungsartikel zugeschrieben wird, nö, Arroganz strahlt er nicht aus. Selbstbewusstsein, ja; Durchsetzungsfähigkeit auch. Er ist 58 Jahre alt, sehr schlank, sein Gesicht scharf geschnitten, die blonden Haare lichten sich allmählich. Um die Sommermonate zu überstehen, verzichtet er weitgehend auf Nikotin und Kaffee, komplett auf Wein, auf Fleisch ohnehin, "mein persönlicher Ramadan".

Die Vorderseite der Medaille: Am 28. Juli werden die Festspiele feierlich eröffnet, alle wichtigen Politiker Österreichs werden da sein, die Gruppe Franui und das Mozarteumsorchester werden spielen, Fotografen und Fernsehkameras werden sich an der Hofstallgasse drängeln und versuchen, möglichst viele bekannte Menschen in ihren schönsten Kleidern auf dem Weg in die Felsenreitschule abzulichten. Sven-Eric Bechtolf wird natürlich auch da sein, Smoking tragend. So weit zum Glamour.

Gedicht

Mit freundlichen Grüßen,

mit hämischem Grinsen,

mit mürrischem Grunzen,

mit öligem Heucheln,

mit schamlosen Klauseln,

mit christlichem Frösteln,

mit albernem Gackern".

Diese Zeilen von Enzensberger schmücken Bechtolfs Büro.

Die Kehrseite: sein Alltag. Der 29. Juni zum Beispiel, nicht sehr sexy. Um 9.30 Uhr Delegiertenversammlung des Festspielfonds, bei der die politischen Vertreter von Stadt, Land und Tourismusförderungsfonds regelmäßig informiert werden, an diesem Tag über den Rechenschaftsbericht 2014/15 und die Aussicht auf 2015/16. Gereicht wurden Schnittchen, Mineralwasser, Espressi. Anschließend hat Bechtolf sich "höflich verabschiedet, und zwar für immer, da es meine letzte Delegiertenversammlung war". Danach Büroarbeit, Telefonate mit dem Chef des Kartenbüros, Vertragsunterschriften, Besprechung von laufenden Probenangelegenheiten. Kaffeepause mit seinen Freunden, den Musikern von Franui. Immerhin. 16 bis 20 Uhr Umbau- und Statisterie-Proben für "Così fan tutte" in der Felsenreitschule, einer Neueinstudierung der Mozartoper, die er vor drei Jahren für die Festspiele inszeniert hat. Danach: ab nach Hause.

Bechtolf ist der Mann für den Übergang, ein Helfer in der Not. Sein erstes Jahr als künstlerischer Leiter war zugleich das vorletzte. Das letzte neigt sich nun dem Ende zu. Wenn es je einen Anfang gab, dann den: Drei Sommer lang, bis 2014, war er der Schauspieldirektor der Festspiele, also für das Theaterprogramm zuständig. Dann ging Alexander Pereira, der Intendant, der ihn verpflichtet hatte, zwei Jahre vor Vertragsende an die Mailänder Scala, der Wunschnachfolger, Markus Hinterhäuser, steht erst kommende Saison bereit. Sven-Eric Bechtolf sprang ein. Auch darum nennt er sich lediglich künstlerischer Leiter, der Posten des Intendanten muss laut Statuten ausgeschrieben werden.

Es gibt einige, die werden ihn vermissen, viele seiner Mitarbeiter etwa, auch viele Künstler, sie sind zusammengewachsen im Lauf der Jahre; vielleicht auch die Zuschauer und der Salzburger Fremdenverkehrsverein, beide womöglich aus demselben Grund, dem Programmangebot: Die Auslastung der Festspiele lag im vergangenen Jahr bei 95 Prozent. Mehr war nie. Bleiben die Kritiker. Da können viele, so viel steht fest, gut auf ihn verzichten. Sie werfen Bechtolf vor, konservativ zu sein, dazu snobistisch, altmodisch, elitär - und eben arrogant. Einig sind sie sich darin, dass er ein brillanter Schauspieler ist, und fast eben so einig, dass seine Operninszenierungen von gestern sind, so, wie das ganze Festspielprogramm.

Gerd Heinz! Dieter Dorn! 75 der eine, über 80 der andere. Ausgerechnet die sollen dem Theater frische Impulse geben? Den Kritikern fehlt das Neue, das Bahnbrechende, das in die Zukunft Weisende. Solche Vorwürfe muss man erst mal aushalten. Nur: Wie geht das? "Gar nicht", sagt Sven-Eric Bechtolf, "das hält man gar nicht aus. Man bricht substanzlos in sich zusammen. Aber irgendwann kommt aus der Asche ein großes Gelächter. Danach ist sowohl positive als auch negative Berichterstattung vollkommen Wurst. Man arbeitet dann nur noch für sich und die Kollegen und das gemeinsame Abenteuer. Und für die Zuschauer selbstverständlich."

Hinter dem Schreibtisch seines Intendantenzimmers hat er zwei Zeitungskritiken vom vergangenen Jahr an die Wand gepinnt, eine fast ganzseitige aus der New York Times, die seine Inszenierung der "Hochzeit des Figaro" bei den Festspielen mit den Worten feiert, die Qualität dieser Arbeit sei über jede Diskussion erhaben, darunter die Kritik aus einer österreichischen Zeitung, die dieselbe Inszenierung in Grund und Boden schimpft. Das sind die Pole, zwischen denen Bechtolf laviert.

Bechtolf and Simonischek perform during a dress rehearsal of the drama Jedermann in Salzburg

Der Schauspieler Bechtolf als Teufel neben Hauptdarsteller Peter Simonischek (links) in einer "Jedermann"-Aufführung (2007).

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)

Wer bleibt, wenn er geht? Natürlich Helga Rabl-Stadler, die ewige Festspielpräsidentin

Er kennt die Vorwürfe, er ist ja nicht dumm. Er hält dennoch fest an seinem Programm mit all den Opern, Konzerten, der Neuen Musik und dem Schauspiel, sicher darin, dass es sich seitens der Kritiker um ein Missverständnis handelt: "Ich bin nicht konservativ, ich bin ein Skeptiker, und das tröstliche Vertrauen in Glaubenssätze und Überzeugungen ist mir nicht gegeben. Je älter ich werde, umso weniger."

Er geht, sie bleibt: Helga Rabl-Stadler, Grande Dame von Salzburg, hervorragend vernetzt in allen wichtigen Gremien, galant, charmant, seit 1995 Präsidentin der Festspiele. Sie ist für die Finanzen, Bechtolf für die Kunst zuständig. Vergangenen November gingen sie auf eine Art Welttournee, bei der sie das Programm der kommenden Festspiele präsentierten und - natürlich - dafür warben. Neben Wien stand Zürich auf der Liste, Paris, London, New York, Shanghai. Und München.

Beim Champagner-Empfang im Künstlerhaus erzählte sie ohne Anlauf zu nehmen, dass "der Sven" bei der Präsentation in Wien plötzlich gesagt habe: "Helga, ich weiß jetzt, wie du dich morgens um halb sieben fühlst, wenn du vor dem Spiegel stehst." Sie: irritiert. Schon trat eine Sängerin auf, die ein Lied aus der "West Side Story" sang, ein Höhepunkt der kommenden Festspiele: "I feel pretty". Er wird ihr so fehlen, sagt sie, sein Intellekt, seine Frotzeleien. Das verwundert ein wenig, scheinen sie doch auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen. Zu einem Jubiläum hat er für sie ein Gedicht geschrieben. Die letzten Zeilen hießen: "Arbeit tut sich nicht von selber - zum Glück gibt's dafür Helga". Sie sagt: "Ist das nicht schöner als jeder Orden?"

Was genau er machen wird, wenn der letzte Vorhang fällt, weiß er nicht. Im Winter "King Arthur" von Henry Purcell in Berlin, nächsten Sommer an der Scala eine andere Oper inszenieren. Dazwischen Zeit haben. Aber sonst? Urlaub, Strand, das war nie seins. Erlösungsfantasien habe er auch keine, möglicherweise trinke er ein Glas Wein, "aber ich glaube nicht, dass ich mich zu einer Schweinswurst hinreißen lasse". Vielleicht schließt sich eine Art "ergebnisloser Introspektive an". Und dann wird es passieren: "Dass das Nächste, was kommt, einen ausfüllt, sei es eine Rolle, eine Inszenierung, ein vereiterter Zahn oder der Gang zur Post."