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Krippenplatzgarantie und Betreuungsgeld:Zementierte Rollenmuster

Schröder kehrte die bestehenden Verhältnisse also verbal um. Haben doch bislang gerade diejenigen, die eine andere als die traditionelle Rollenverteilung leben wollen, Probleme dies zu tun. Gerade ihnen geht es ja um Wahlfreiheit - nur eben nicht um diese armselige Form, bei der am Ende immer die Frau zu Hause bleibt.

In einer anderen Gesellschaft, in der tatsächlich Wahlfreiheit herrschen würde, in der Eltern selbstbestimmt und frei von wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlichen Rollenerwartungen aushandeln könnten, wer sich in welchem Umfang um die Familie kümmert oder arbeiten geht, in der das gleichermaßen mal Väter, mal Mütter wären, in einer solchen Gesellschaft wäre das Betreuungsgeld vielleicht sogar eine feine Sache.

Doch in einer Gesellschaft, in der dadurch nur bestehende Rollenmuster zementiert werden, deren eklatante Nachteile und Risiken immer die Frauen zu tragen haben (von Scheidungsrisiken bis zur Altersarmut), ist es das eben nicht.

Wahlfreiheit, aber richtig

Um diese Nachteile zu umgehen und die Arbeit der Frauen in den Familien tatsächlich aufzuwerten, bräuchte es schon ein anständiges staatliches Gehalt, von dem sich zumindest über die Runden kommen ließe, Steuern und Sozialabgaben inklusive. Dann würde sich vielleicht sogar auch der eine oder andere Mann dafür interessieren. Almosen verschärfen hingegen nur die bestehende Benachteiligung von Frauen.

Durch 100 oder 150 Euro Betreuungsgeld im Monat wird eine in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen sehr fragwürdige Wahlfreiheit geschaffen. Zugleich muss aber auch betont werden, dass sich Wahlfreiheit genauso wenig erschöpft in Ganztagskrippenbetreuung für Kinder und Vollzeitarbeit für Mütter.

Wahlfreiheit hängt von sehr viel mehr ab: davon, dass Eltern tatsächlich eine Auswahl für die Betreuung ihres Kindes haben, sowohl was den Ort und Zeitpunkt als auch was den Umfang der Betreuung angeht. Dass es flexible Arbeitszeitmodelle gibt, die den Interessen der Arbeitenden entgegenkommen und nicht nur denen der Betriebe. Dass auch im unteren Bereich Löhne gezahlt werden, von denen Menschen leben können. Dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit auch gleich entlohnt werden.

Und nicht zuletzt vom Wandel hin zu einer Gesellschaft, in der Gleichberechtigung selbstverständlich ist. In der - egal ob es um Arbeitszeitmodelle, Hausarbeit oder Kinderbetreuung geht - nicht de facto immer nur die Mütter in die Verantwortung genommen werden, wenn von Eltern oder Familien die Rede ist. Dann würden sich wahrscheinlich auch viele Aufgeregtheiten um familienpolitische Leistungen ganz anders darstellen als sie es heute tun.

© Süddeutsche.de/dd/leja
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