Kriegsenkel-Generation Wie Kriegsenkel unter den traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern leiden

Familienfoto aus dem Jahr 1941. Die sieben Söhne in der hinteren Reihe sind allesamt Soldaten der Wehrmacht - und gerade auf Heimaturlaub.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ihre Eltern wuchsen im Zweiten Weltkrieg mit Terror und Gewalt, Hunger und Flucht auf. Für viele aus der Generation der heute Vierzigjährigen reichen die Schatten dieser Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Von Verena Mayer

Wie lange verbreitet ein Krieg seine Schrecken? Wie weit reichen die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart? Weit, glaubt der Autor und Journalist Matthias Lohre. Und zwar so weit, dass selbst die Generation der heute Vierzigjährigen unter einem Krieg leiden kann, der mehr als siebzig Jahre lang zu Ende ist.

Lohre, Jahrgang 1976, hat sich lange mit den Kriegsenkeln befasst, jener Generation, deren Eltern während des Zweiten Weltkriegs Kinder waren. Die mit Terror, Gewalt, Hunger, Bomben oder Flucht aufwuchsen und diese Erfahrungen noch mit sich herumtrugen, als sie selbst Kinder groß zogen. Diese sogenannte dritte Generation ist inzwischen sehr gut erforscht, meistens geht es um die Nachfahren der Opfer und Täter, um die Auswirkungen von Verfolgung oder das Leben mit verdrängter Schuld. Die breite Masse der Mitläufer rückt erst seit einiger Zeit in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, durch Bestseller, die "Wir Kinder der Kriegskinder" heißen oder "Die vergessene Generation".

Bloß niemandem zur Last fallen

Matthias Lohre hat selbst gerade ein Buch herausgebracht. Es heißt "Das Erbe der Kriegsenkel" und handelt von den Folgen, die der Krieg selbst in Familien hinterließ, die keine Katastrophen erleben mussten. Seine Eltern, 1931 und 1937 geboren, seien ihr Leben lang verschlossen und in sich gekehrt gewesen, Lohre und seine vier Geschwister hatten zwar eine typisch westdeutschen Wohlstandskindheit, aber immer das Gefühl, "eine Null-Fehler-Existenz" führen zu müssen, in der allein Leistung zählt und man niemandem zur Last fallen dürfe. Und die letztlich eine ganze Generation unglücklich gemacht habe.

Den Grund dafür sieht Lohre darin, dass seine Eltern Krieg und Zerstörung als kindliche Normalität erlebt hatten. Und lernen mussten, niemandem zur Last zu fallen - Ansprüche, die sie an ihre Kinder weitergaben. Einige Neurobiologen glauben inzwischen auch, dass Erfahrungen von Krieg und Gewalt so prägend sein können, dass sie sogar genetisch auf nachfolgende Generationen übergehen. Unstrittig ist, dass das Aufwachsen mit Krieg und Trümmern prägt und Einfluss darauf hat, wie man mit den eigenen Kindern umgeht. Dazu hätten die Kriegskinder nie Gelegenheit gehabt, ihr Leid zu verarbeiten oder darüber zu reden, sagt Lohre.

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Dieses Schweigen findet sich in allen Erzählungen von Kriegsenkeln. Immer lastet ein undurchdringlicher Nebel des Unausgesprochenen über allem. Matthias Lohre rät Kriegsenkeln dazu, auf die Eltern zuzugehen, sie nach der Vergangenheit zu fragen. Es liege an seiner Generation, das Schweigen zu durchbrechen.