Krieg:Mitgenommen

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Wer flüchtet, muss eine Menge zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Oksana, 17, aus Mena bei Tschernihiw in der Ukraine. Sie lebt seit sieben Monaten in Seefeld.

Protokoll: Georg Cadeggianini

"Das Wichtigste, was ich von zu Hause mitgenommen habe, habe ich erst auf halber Flucht entdeckt. Es war in Ternopil im Westen der Ukraine, wo wir nach gut 600 Kilometern übernachten wollten. Und ich dachte: Wir brauchen unbedingt noch eine ukrainische Flagge. Natürlich hätte ich auch später eine kaufen können, in Polen oder in Deutschland. Aber irgendwie war mir wichtig, dass sie aus der Ukraine kommt. Echt ist. Von daheim ist. Also bin ich los. Aber es war schwierig. Die Flaggen waren überall ausverkauft. Irgendwann habe ich dann doch noch einen Laden gefunden. 90 Hrywnja habe ich am Schluss gezahlt, etwa 2,50 Euro. Es war die letzte, die es noch gab. Wir haben den ersten Kriegsmonat zu Hause verbracht. Wir wussten einfach nicht, wie wir fliehen sollten. Die Route haben dann Freiwillige organisiert, geflohen sind wir zu dritt, meine Zwillingsschwester, meine Mama und ich. Die Fahne habe ich erst in Deutschland aus meinem Rucksack geholt, erst bei unserer Gastfamilie, wo wir unterschlüpfen konnten. Ich habe erzählt, was es mit den Farben auf sich hat. Das Blau oben steht für den Himmel, klar. Aber eben auch für Freiheit! Unten das volle Gelb für die ewig weiten Getreidefelder. Die Ukrainerinnen und Ukrainer arbeiten hart. Ich habe diese Farben auch hier in Deutschland schon oft gesehen. Der strahlend blaue Himmel und gelb verfärbte Blätter davor. Ein Vorfahrtsschild direkt über einem Rechtsabbiegerpfeil: Blau-Gelb. Der Spülschwamm in der Küche, das Danke-Emoji mit den gefalteten Händen, die Leuchtreklame einer Tankstelle, überall Blau-Gelb. Hier in Deutschland liegt die Fahne aus Ternopil bei uns über dem kleinen Fernseher. Und ich nehme sie zu den Samstagsdemonstrationen in München mit, die ein Ende des Krieges fordern."

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