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Krankengeschichte auf Twitter:Mein Krebs in 140 Zeichen

Im Sommer 2012 erhielt Nadine die Diagnose Krebs - seitdem twittert sie über ihre Krankheit und hat mittlerweile ihre letzte Infusion hinter sich.

(Foto: Carolin Meyer)

Nadine Weiskircher ist an Krebs erkrankt, bei Twitter berichtet sie jeden Tag von ihrer Krankheit. Warum? Weil es zu ihrem Leben gehört. Fast tausend Menschen verfolgen die Fortsetzungsgeschichte in 140-Zeichen-Kapiteln - und dürfen sich jetzt über gute Nachrichten freuen.

Nadine Weiskircher wippt im Tropftakt der Infusion mit den Füßen. Um sie herum sind fünf andere Patienten in graue Sessel gesunken, Augen halb geschlossen, Schläuche am Arm. Die 27-Jährige - schwarze Klamotten, Schnürstiefel, braunes Kopftuch - sitzt keine Minute still. Scherzt mit der sommersprossigen Pflegerin der Berliner Charité-Klinik, telefoniert, tippt, scrollt und wischt auf dem Handydisplay.

Als nach drei Stunden der letzte Rest aus dem Plastikbeutel in ihre Venen sickert, knipst sie ein Foto, schreibt einen Tweet. "Letzte Infusion." Dann schiebt sie das Handy in die Tasche. Die Chemotherapie ist vorbei, endgültig.

Ein halbes Jahr liegt hinter Nadine Weiskircher, in dem der Lymphdrüsenkrebs jeden einzelnen Tag beherrscht hat. Arztpraxen, Krankenhäuser, Infusionen, Tabletten und immer wieder: Twitter. Über den Kurznachrichtendienst hat sie unter dem Namen @nadine_berlin über ihr Leben mit der Krankheit geschrieben, von der sie nun mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 100 Prozent als geheilt gilt. Eine Fortsetzungsgeschichte in 140-Zeichen-Kapiteln und Dutzenden Bildern, täglich verfolgt von knapp tausend Menschen.

Leidensgeschichten im Netz

Im Netz gibt es unzählige solcher Fälle, hinter denen ganz unterschiedliche Leidensgeschichten stehen. Junge Frauen, die sich in Youtube-Videos die wegen der Medikamente lichter werdenden Haare abrasieren. Anonyme User, die in Foren zweifelhafte Informationen über die Nebenwirkungen bestimmter Medikamente austauschen. Und Blogger, die den Verlauf ihrer Krankheit wie ein öffentliches Tagebuch publizieren.

Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf schrieb bis zu seinem Tod im August über sein Leben mit dem Gehirntumor. Der amerikanische Medienprofessor Jeff Jarvis sorgte vor vier Jahren mit Blogeinträgen über seinen Prostatakrebs für Aufsehen. Er sei auf der Suche nach öffentlicher Unterstützung und Rat, begründete er seine Entscheidung für eine radikal öffentliche Lebensführung.

@nadine_berlin beschrieb auf Twitter den metallenen Geschmack, der sich im Mund ausbreitet, wenn die Infusionen ins Blut gelangen. Sie scherzte über ihre Glatze, als sie ihr langes blondes Haar verlor: "Kalter Kopf sind meine neuen kalten Füße." Sie motzte über Langeweile in Wartezimmern und Abrechnungsärger mit Krankenkassen. Verzweiflung, Wut, Schmerzen, Angst - sie machte alles öffentlich.

"Die Diagnose war wie ein Tritt in den Magen"

Warum? Nadine schaut verständnislos. Die Frage habe sie sich nie gestellt, sagt sie während ihrer letzten ambulanten Behandlung. Die Krankheit gehöre zu ihrem Leben - und damit zu @nadine_berlin. Seit fünf Jahren teilt sie sich auf Twitter mit. Sie ist in Chatrooms groß geworden, wo man mit Fremden plaudert. Mit sozialen Netzwerken, in denen Freundschaften mit ein paar Klicks gepflegt werden. Für Nadine, die gerne plaudert und laut lacht, ist Twitter wie eine Stehparty, ein ewiges Gemurmel von Interessantem, Witzigem, Überflüssigem. Deshalb schreibt sie über ihr stressiges Studium, ihren spendablen Vater, ihren fabelhaften Freund. Und eben auch den Krebs.