Kosmetik und Wirkung Die Crème de la Crème

Es heißt, Kosmetik beseitigt Augenränder, glättet Falten und macht glücklich. Eine Wissenschaftlerin sagt nun die Wahrheit. Ein Interview aus dem SZ-Magazin.

Von Kerstin Greiner und Rainer Stadler

SZ-Magazin: Frau Professor Kerscher, wie viel Geld wären Sie bereit, für eine Creme zu zahlen? Zwanzig Euro für eine Vichy-Creme aus der Apotheke, hundert Euro für die Crème de La Mer oder gleich 950 für die Re-Nutriv Re-Creation Creme von Estée Lauder?

Der Markt der Kosmetikprodukte ist ziemlich unübersichtlich: Was bitte, sollen wir bloß kaufen?

(Foto: Foto: Istock)

Kerscher: Schwer zu sagen, es kommt auf die Wirkstoffe an. Auf dem Markt gibt es günstige Produkte für zehn oder zwanzig Euro, die gute und wissenschaftlich dokumentierte Wirkstoffe enthalten. Und es gibt natürlich auch teurere Produkte mit gut erforschten Wirkstoffen. Manche Stoffe müssen sehr aufwendig gewonnen werden, so dass wenige Gramm durchaus tausend Euro und mehr kosten können. Bestimmte Wirkstoffe wird man deswegen eher in teureren Produkten finden. Insofern kann ein Preis von hundert Euro oder mehr für eine Creme schon gerechtfertigt sein.

SZ-Magazin: Was die Herstellung angeht, vielleicht. Aber wie steht es mit der Wirkung?

Kerscher: Vor einigen Jahren verglichen wir ein günstiges Produkt im Drogeriemarkt und ein sehr teures Produkt aus der Parfümerie. Beide Produkte stammten vom gleichen Konzern und enthielten denselben Wirkstoff. Wir füllten die Cremes in neutrale Behälter um und baten unsere Probandinnen, Produkt A auf die eine Gesichtshälfte aufzutragen und Produkt B auf die andere. Am Ende des mehrwöchigen Versuchs nahmen wir umfangreiche Hautmessungen vor und fragten unsere Probandinnen, welches Produkt sie bevorzugen würden.

SZ-Magazin: Und?

Kerscher: Obwohl unsere Untersuchungen vergleichbare Effekte auf der Haut belegten, entschieden sich mehr als 90 Prozent der Probandinnen für das teurere Produkt, von dem sie aber nicht wussten, dass es teurer war. Sie gaben an, dieses Produkt sei in Anwendung und Geruch angenehmer gewesen. Auch die Wirksamkeit schätzten unsere Probandinnen höher ein. Das hat uns sehr überrascht.

SZ-Magazin: Kann es sein, dass dieser Versuch vor allem mit Frauen funktioniert?

Kerscher: Warum? Wir haben einen großen Pool männlicher Probanden, auch die haben ihre Vorlieben. Um nur ein extremes Beispiel zu nennen: Eine süßliche, rosa gefärbte Creme würden Männer eher nicht kaufen.

SZ-Magazin: Kosmetik ist also zu 50 Prozent Psychologie?

Kerscher: So genau lässt sich das nicht beziffern, aber zweifellos spielt die Psyche eine große Rolle. In Hirnstrommessungen kann man feststellen, dass die Anwendung einer Creme positive Empfindungen auslösen kann. Die Reaktion ist auch plausibel: Man tut sich etwas Gutes und erzeugt so positive Gefühle. Die wiederum lassen die Haut erstrahlen. Umgekehrt sind auch objektiv gute Produkte mit einer wissenschaftlich belegten positiven Wirkung nicht zu empfehlen, wenn sie der Patient - möglicherweise völlig unbegründet - ablehnt.