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Konsumwahn:Die Kunst des Einkaufens

SZ: Was steckt hinter dieser Lust, einkaufen zu gehen?

Kinsella: Die Sehnsucht nach Veränderung. Schöne Kleider können dich verändern. Das richtige Make-up kann dich verändern.

SZ: Wir in Deutschland glauben ja eher an die inneren Werte.

Kinsella: Aber dabei geht es doch gerade um Emotionen. Die Menschen hatten schon immer die Sehnsucht danach, sich zu verändern. In jeder Gesellschaft gibt es einen Spielraum, sich zu verwandeln. Jede Kultur dekoriert sich mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hat. In der Geschichte der Menschheit waren sogar immer die Männer mehr darauf bedacht, gut auszusehen, und scheuten dafür keine Kosten.

SZ: Das hat gefühlsmäßig in den letzten Jahren wieder zugenommen. Jeder von uns kennt einen Mann, der so viele Anzüge besitzt, dass er zwei Doppelleben führen müsste, um sie alle zu tragen.

Kinsella: Auch Männer wollen, dass sich ihr Leben ändert. Egal ob Mann oder Frau, es passiert immer dasselbe im Kopf: Wenn ich nur dieses einzigartige Cape hätte, dieses gemütliche Sofa, diesen hübsch plissierten Bademantel, denken wir uns - dann, mein Gott, wird mein Leben sich ändern. Obwohl ich weiß, dass das verrückt ist, ertappe ich auch ich mich immer noch bei diesem Gedanken. Denken Sie nur an das richtige Paar Jeans!

SZ: Ich fürchte, die SZ-Leser werden das oberflächlich finden.

Kinsella: Sagen Sie ihnen, dass es schon immer so war. Ihre Leser brauchen nur einen Roman von Jane Austen aufzuschlagen...

SZ: . . . die Sie, wie alle Chicklit-Autorinnen, als Ihr literarisches Vorbild nennen...

Kinsella: . . . und Sie werden feststellen, dass es seitenweise nur darum geht, die richtigen Hutbänder zu finden.

SZ: Jane Austen ließ sich manchmal sogar auf ihren Einkaufstouren in London von einer Kutsche begleiten. Schon damals kaufte man das meiste auf Pump. Wie genau beginnt die Abhängigkeit?

Kinsella: Bei diesem Brausen zwischen den Ohren, sobald man einen Laden betritt, dem leichten Schwindelgefühl beim Anblick der schön zusammengelegten Pullover, des glänzenden Bodens, der gespitzten Bleistifte und kleinen Notizblöcke im Leopardenmuster, dem höflichen Nicken der Angestellten, dem Rausch, der einen alles vergessen lässt.

SZ: Was geschieht in der Sekunde, nachdem die Kreditkarte durchgezogen wurde?

Kinsella: Für viele Menschen hält das High erst mal an. Sie gehen nach Hause, ziehen diese niedlichen neuen Dinge an und fühlen sich himmlisch.

SZ: Für andere beginnt bereits in der S-Bahn beim Anblick ihrer glänzenden Einkaufstüten der Kater.

Kinsella: Es ist wie bei Bulimie, die Art, wie sich dann Reue und Schuldgefühl einstellen können. Vor allem, wenn man zu viel ausgegeben hat.

SZ: Welche Therapie braucht denn ein Kaufsüchtiger?

Kinsella: Ich bin keine Psychologin. Ich denke, man muss wie bei jeder Sucht eine klare Entscheidung fällen. Und die gibt es in der Regel erst, wenn der Selbsthass groß genug ist.

SZ: Da wir alle einkaufen müssen, gehören wir auch alle zur Risikogruppe. Welche Vorsichtsmaßnahmen funktionieren nach Ihrer Erfahrung?

Kinsella: Man wird sehr leicht Gefangene dieses Kaufrausches. Machen Sie zwischendurch mal eine Pause und trinken Sie eine Tasse Kaffee. Schon eine halbe Stunde Auszeit genügt oft, um Sie zur Ruhe zu bringen.

SZ: Es muss doch noch andere Tricks geben, um weniger Geld auszugeben. Was ist mit Flohmarkt?

Kinsella: Besonders schlimm, weil man da ja noch den frierenden Verkäufern einen Gefallen tun möchte. Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen. Es gibt immer einen Grund, Geld auszugeben.

SZ:England hat die größte Pro-Kopf-Verschuldung der Privathaushalte von Europa.

Kinsella: Oh, das wusste ich gar nicht. Aber es wundert mich auch nicht.

SZ: Sie waren als junge Frau, wie Ihre Heldin, Journalistin bei einem Anlegermagazin und beschreiben die Finanzwelt sehr lustig, voller Großmäuler und Ignoranten. Waren Sie auch eines von beiden?

Kinsella: Auf jeden Fall. Es gab Pressekonferenzen, wo ich nur blasiert nickte, auf meinem Notizblock herummalte und keine Ahnung hatte, wovon die Rede war. Ich dachte damals, ach - das kopiere ich hinterher aus dem Pressematerial. Aber so ein Verhalten wurde in unserer Branche auch gefördert. Wenn wir fünf Seiten Werbung von einer bestimmten Bank bekamen, schrieb ich eben einen fünfseitigen Artikel über diese Bank. Ich füllte sozusagen den Platz zwischen den Anzeigen. Aber wenigstens fühlte ich mich dabei immer wie eine Betrügerin.

SZ: Ist die Rezession die überfällige Therapie für alle, die so gedacht haben? Oder die das Einkaufen in den Ruin getrieben hat?

Kinsella: Eine Korrektur unserer Denkweise ist sie auf jeden Fall. Die Leute werden sich nun daran erinnern müssen, dass eine Handtasche nicht glücklich macht.

SZ: Welche Rolle spielt in unserem heutigen Denken die Frage nach den Bedingungen der Kleiderproduktion - der Zusammenhang zwischen Kinderarbeit in der Dritten Welt, Massenware und der steigenden Arbeitslosigkeit im Westen?

Kinsella: Der Unterschied von Jane Austen und unserer Welt besteht darin, dass man früher seine Kleider selber machte, weil es zu teuer war, sie zu kaufen. Heute ist es zu teuer, sie selber zu machen, also kauft man ständig billige Kleider. Ich versuche, nicht in die billigsten Läden zu gehen.

SZ: In Notting Hill verstecken die Frauen jetzt ihre teuren Schnäppchen in alten Stoffbeuteln, weil es unschick ist, mit neuen Einkaufstüten gesehen zu werden.

Kinsella: Auf meinem Beutel steht: Keep calm and carry on shopping. Behalte die Nerven und kaufe weiter ein.

SZ: Teure Bioskosmetik, Fairtrade-Produkte, Kaschmir, der angeblich drei Generationen hält - was hat sich in der letzten Zeit noch geändert an unseren Vorlieben?

Kinsella: Wenig. Wir werden nicht aufhören, einzukaufen, wir tun es nur anders. Mit angezogener Bremse und leichter Kursänderung.

SZ: Was tragen Sie heute?

Kinsella: Endlich, meine Lieblingsfrage. Schuhe: von Miu Miu. Hose: Paul Smith. Bluse: L.K. Bennett. Bolerojäckchen - Moment, an das Label kann ich mich nicht erinnern, ich dachte, es sei etwas anderes, seltsam. . .

SZ: Wie viel wird das alles zusammen wert sein: 700, 800 Pfund?

Kinsella: Das könnte gut hinkommen.

SZ:Sie können es später ja immer noch Ihren Kindern vererben.

Kinsella:Ich habe drei Jungs.