Konsumwahn Die Kunst des Einkaufens

SZ: Ginge es nach Rebecca, wäre die Nachfrage jedenfalls nicht gesunken. Sie steht auf Seiten des gerade wieder sehr in Mode kommenden britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der Anfang der siebziger Jahre eine Steigerung der Staatsausgaben verschrieb, um die Konjunktur zu stimulieren. Und schon ist der Rezessionseinkauf geboren.

Kinsella: Das Schöne am Sparen ist ja, dass man erst mal ein paar dringende Anschaffungen machen muss, um kein Geld auszugeben: eine elektrische Kaffeemühle. Eine schicke Aluminiumflasche, in der man seinen Kaffee ins Büro trägt. Ein Kochbuch, um sich das Essengehen zu sparen. Eine Jahreskarte fürs Museum. . .

SZ: Nur dass Rebecca bei einem Schlenker zum Museumsshop bereits im großen Stil ihre Weihnachtseinkäufe erledigt, und zwar im März. Ist das ein Ersatzbefriedigungskauf?

Kinsella: Nein, ein Ersatzbefriedigungskauf ist, wenn du in ein elegantes Kaufhaus gehst, dich beschwingt durch die Räume treiben lässt und schließlich statt des Chanel-Hosenanzugs nur einen Lippenstift von Chanel kaufst.

SZ: Ein Freund wohnt über dem Laden von Salvatore Ferragamo in der Münchner Maximilianstraße. Als das Geschäft seine Kunden zu einer Weihnachtsfeier einlud, wollte dieser Freund sich das Mittagessen sparen und stattdessen schnell ein paar Häppchen im Laden abgreifen. Zurück ins Büro kam er allerdings mit einem weißen Oberhemd für 180 Euro.

Kinsella: Wie gut ich das nachvollziehen kann! Genau das könnte mir passieren.

SZ: Rebecca ist recht erfinderisch, wenn sie eine Entschuldigung dafür sucht, ihre Schulden nicht bezahlen zu können: Sie bricht sich das Bein, ihre Tante stirbt, sie schickt Schecks ohne Unterschrift oder datiert sie auf das Jahr 2200 und bezeichnet ihren Bankmanager als Ex-Freund, der sie belästigt. Wie ist Ihre Beziehung zu Ihrem Bankmanager?

Kinsella: Oh, die ist herzlich. Ich gehe mittlerweile sehr vorsichtig mit meinem Geld um.

SZ: Was war Ihr schlimmster Ausrutscher?

Kinsella: Ein paar Sandalen mit Strasssteinen und silbernen Bändern bis zum Knie. Sie haben einen dicken schwarzen Absatz mit einem Loch mitten drin. Es sind plumpe Nuttenschuhe. Sie waren zwar reduziert, kosteten aber immer noch über hundert Pfund. Teuer, wenn man sie danach kein einziges Mal trägt. Ich dachte natürlich, die kommen zum Einsatz, wenn ich ausgehe. Nun muss man wissen, dass ich drei Kinder habe und wirklich nicht mehr so oft ausgehe, und wenn, dann nicht in diesen Sandalen. Das sind meine Schuhe der Schande.

SZ: War das schon alles?

Kinsella: Ich habe natürlich jede Menge anderer Schuhe, die ich noch nie getragen habe, aber ich bin optimistisch, dass sich noch eine Gelegenheit bietet. Für die Nuttenschuhe aber lässt sich einfach keine Entschuldigung finden.

SZ: Bevor wir in die Tiefen der Kaufsucht einsteigen - gibt es so etwas wie eine Kunst des Einkaufens?

Kinsella: Absolut. Sie fängt bereits zu Hause an. Du musst dich gut in deiner Haut fühlen, das Richtige anziehen. Dann solltest du dich mit einer Freundin verabreden. Und nur losziehen, wenn die Laune bombig ist. Dann stehen die Chancen für einen guten Tag nicht schlecht.

SZ: Ist das Dauer-Einkaufen denn nicht eine Kompensation für den Minderwertigkeitskomplex, unter dem wir heute alle leiden?

Kinsella: Ach Gott, Shopping ist doch nichts Schlimmes. Im Gegenteil, es kann geradezu feierliche Züge annehmen, Verbindung schaffen, eben, wenn zwei Freundinnen zusammen einkaufen gehen. Es kann aufmuntern wie eine Tasse Kaffee, oder ein Fußballspiel für Männer. Es macht Spaß und hält das Rad der Wirtschaft am Laufen.

SZ: Das Gefühl, sich alles leisten zu können, hat die Volkswirtschaft Großbritanniens in eine Katastrophe getrieben. Die Arbeitslosigkeit steigt gerade doppelt so schnell wie im Rest Europas. Alle sieben Minuten verliert zur Zeit ein Brite sein Haus, weil er die Raten für seine Kredite nicht mehr zahlen kann.

Kinsella: Es gibt ein breites Spektrum unter den Schnäppchenjägern. Da gibt es die, die wirklich ihr Leben ruiniert haben, weil sie zu viel ausgegeben haben. Und es gibt die ganz normalen Mädchen. Die sitzen in einem Café und wenn du sie fragst: Seid ihr Schnäppchenjäger? geben sie Antwort und sagen: logisch.

Was steckt hinter der Lust, einkaufen zu gehen? Fortsetzung nächste Seite ...