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Konflikte in Flüchtlingsunterkünften:Wann die Gewalt eskaliert

Immer wieder eskaliert die Situation in Flüchtlingsunterkünften. In Brandenburg hat ein Team um Wolfgang Bautz untersucht, wo und wann es zu Konflikten kommt.

Im hessischen Calden ist es zu Massenschlägereien in einem Zeltlager für Flüchtlinge gekommen. 14 Menschen wurden verletzt. Es ist nicht das erste Mal, dass in einer Asylbewerberunterkunft Gewalt ausbricht. In Brandenburg hat der Fachberatungsdienst Zuwanderung, Integration und Toleranz unter der Leitung von Wolfgang Bautz nun im Auftrag des Innenministeriums die Situation in den Gemeinschaftsunterkünften wissenschaftlich untersucht - und die Häufigkeit von Auseinandersetzungen und deren Ursachen erhoben.

SZ: Herr Bautz, wann eskaliert die Gewalt?

Wolfgang Bautz: Wir haben Ende 2014 fast alle von damals 48 Gemeinschaftsunterkünften in Brandenburg besucht und dort mit Heimleitung, Mitarbeitern und zufällig ausgewählten Bewohnern darüber gesprochen, ob sie schon einmal Zeuge von Gewalt geworden sind oder selbst gewalttätige Übergriffe erlebt haben. Das Ergebnis hat uns selbst überrascht: Ob es Gewalt gibt, hängt sehr von der Atmosphäre in der Unterkunft ab.

Die Zahlen der Asylbewerber steigen, die Unterkünfte sind überfüllt, viele Flüchtlinge traumatisiert. Ist die Atmosphäre nicht überall schwierig?

Natürlich. Da braucht es oft nicht viel, dass ein ganz normaler Streit in der Gemeinschaftsküche eskaliert. Aber unsere Studie zeigt: Gewalttätige Auseinandersetzungen gibt es eben nicht in allen Einrichtungen, sondern sie konzentrieren sich auf einige wenige. Das sind vor allem große Unterkünfte. Noch wichtiger ist aber der bauliche Zustand.

Wie meinen Sie das?

Entscheidend ist, wie viel Rückzugsmöglichkeiten es in der jeweiligen Unterkunft gibt. Und wie viele Bewohner sich Küche und Sanitäranlagen teilen. Es macht einen großen Unterschied, ob es einen langen Gang mit 40 Zimmern gibt und am einen Anfang eine gemeinsame Küche und am anderen eine gemeinsame Dusche. Oder ob die Unterkunft in Wohneinheiten aufgeteilt ist, in denen sich nur wenige Bewohner das Bad teilen.

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle?

Wichtig ist auch, wie viel Freizeitbeschäftigung es gibt. Bis Ende 2014 hatten wir in Brandenburg nur ein bis zwei Einrichtungen pro Landkreis, inzwischen sind es deutlich mehr. Oft liegen sie in kleinen Gemeinden, wo nur ein Mal am Tag ein Bus fährt. Die Flüchtlinge können sich dort nur wenig ablenken. Langweile kann eine Ursache für Konflikte sein. Ein weiteres großes Problem ist der Rassismus innerhalb der Einrichtungen.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Es gibt immer wieder Übergriffe auf Schwarzafrikaner in Asylbewerberheimen. Der Konflikt zwischen einer Gruppe Tschetschenen und einer Gruppe Schwarzafrikaner war auch der Auslöser für die Studie. Zudem spielen Sprachbarrieren eine Rolle: Wenn sich die Bewohner nicht verständigen können - egal ob auf Deutsch, Englisch oder Französisch - gibt es mehr Konflikte.

Welchen Einfluss hat das Personal in den Unterkünften?

Einen wichtigen. Wo es viele gewalttätige Auseinandersetzungen gibt, gibt es oft auch zu wenig Personal. Vor allem zu wenig qualifiziertes Personal. Ich spreche hier über Sozialarbeiter und Wachleute. Wir schulen derzeit Mitarbeiter, machen Antigewalttrainings. Zum einen, damit sie sich selbst schützen können. Zum anderen, damit sie bei gewalttätigen Konflikten richtig reagieren. Für einige Bewohner bieten wir zudem Deeskalationstrainings an.

Wie ergeht es Frauen in solchen Unterkünften?

Wir haben festgestellt, dass an der Gewalt in den Unterkünften vor allem Männer beteiligt sind - als Täter und als Opfer. Das heißt aber nicht, dass Frauen nicht auch als Opfer von Gewalt identifiziert wurden. Für einige von ihnen setzt sich in Deutschland der Leidensdruck fort. Wo die Privatsphäre extrem eingeschränkt ist und Rückzugsmöglichkeiten fehlen, können sie leicht Opfer von sexuellen Belästigungen und Gewalt werden.

Ist auch geplant, einige Heime umzubauen? Das wäre ja die logische Folge Ihrer Untersuchung.

Das wäre gut. Aber mit der rasant steigenden Zahl von Flüchtlingen und der Aussicht auf immer mehr Zeltlager wird sich an der Lage wohl erst einmal nichts verbessern - nun geht es darum, dass die Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf haben.

© SZ.de/ghe/rus

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