Komplizierte Glaubensfragen   Neue Götter

Religion war unter Mao in China verboten. Die Partei hatte dafür eine eigene Bibel.

(Foto: Gino Begotti/ddp images)

China ist einerseits das atheistischste Land der Welt. Andererseits fragt keine Nation so hartnäckig nach Sinn und sucht so nach spiritueller Orientierung.

Von kai strittmatter

China ist ein Paradox, auch was den Glauben angeht. China ist das atheistischste Land der Welt. Stimmt. China ist das Volk mit den meisten Sinnsuchern, das Land, in dem die Religionen boomen. Stimmt auch.

Kulturrevolution: Der Staat schloss alle Tempel und Kirchen

Nirgendwo auf der Welt leben mehr Menschen, die von sich sagen, sie glaubten an keinen Gott. Umfragen belegen das immer wieder. Als die Firma WIN/Gallup International etwa vor zwei Jahren die Völker der Welt befragte, da bezeichneten sich 47 Prozent der Chinesen als überzeugte Atheisten. Dahinter kamen, mit weitem Abstand: Japaner, Tschechen, Franzosen. Der eine, offensichtliche Faktor ist dabei die Herrschaft der Kommunistischen Partei, die 1949 die Volksrepublik gründete und in den folgenden Jahrzehnten mit beispielloser Gründlichkeit und Grausamkeit daranging, alle Spuren von Religion auszumerzen. In den Jahren der Kulturrevolution, als dem ideologischen Irrsinn keinerlei Zügel mehr angelegt waren, schloss der Staat, von 1966 bis 1979, gar alle Tempel, Moscheen und Kirchen. Weltweit geschah das nur noch in Albanien, selbst die Sowjetunion unter Stalin hatte immer ein paar Hundert Kirchen offen gelassen. Diese schlimmen Jahre sind längst vorbei, die KP duldet Religion wieder, allerdings verlangt sie weiterhin die Unterwerfung der Religiösen unter ihre allumfassende Kontrolle.

Gleichzeitig unterscheiden sich die religiösen Traditionen Chinas grundlegend von unseren Kulturen, die von monotheistischen Glaubensvorstellungen geprägt wurden. Die drei großen religiösen und philosophischen Schulen des alten China sind der Konfuzianismus, der Buddhismus und der Daoismus. Die Konfuzianer betrieben zwar Ahnenverehrung, aber Konfuzius predigte nie eine Religion, sondern eine höchst diesseitige Staats- und Morallehre. Die Existenz von Geistern und Göttern bestritt er nie, aber er mahnte seine Schüler: "Halte dich fern von ihnen." Den Konfuzianern ging es immer um das Studium des rechten Lebens. Der Buddhismus wiederum legte sich in seiner Ausprägung als Volksreligion ein ganzes Pantheon an Buddhas und Bodhisattvas zu, denen die Menschen opfern und zu denen sie beten konnten, aber in Wirklichkeit kennt auch er keinen Gott, sondern lediglich das Streben nach der Erkenntnis. Ein Buddha ist ein "Erleuchteter", jeder Mensch kann ein Buddha werden. Die buddhistische Idee, die bis heute noch den meisten Widerhall findet ist wohl die vom Karma, dass einem also sowohl gute als auch schlechte Taten spätestens im nächsten Leben heimgezahlt werden.

Der Kaiser folgte in der Theorie dem Willen eines abstrakten "Himmels", Tian; das Volk lebte ein von religiösen Praktiken, von Opfergaben und Ahnenkult erfülltes Leben, aber dabei spielte das Transzendentale kaum eine Rolle. Chinas religiöse Praxis war meist auf das Hier und Jetzt gerichtet und von einem menschenfreundlichen Pragmatismus geprägt: Im alten China konnte sich ein jeder bei Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus bedienen, ohne dass einer das komisch gefunden hätte. Von den Göttern oder Buddhas erhoffte man sich Unterstützung bei Problemen und Krisen des Alltags (Kinderwunsch, Beamtenprüfung), und wenn der eine Gott nicht half, dann ging man eben zum nächsten. Eine Haltung, die unter Chinesen auch heute noch verbreitet ist: Als beim Vater meiner Chinesischlehrerin in Taipeh aus den USA eingeflogene mormonische Missionare anklopften und ihn für ihren Gott gewinnen wollten, da zeigte er sich interessiert - bis zu dem Moment, da sie ihm eröffneten, dass er dann aber seinen buddhistischen Praktiken abschwören müsse.

Nun ist Chinas Gesellschaft heute in einer spirituellen Krise. Auf Jahrzehnte kommunistischer Repression alles Religiösen folgten der Kollaps des Marxismus und Jahrzehnte hemmungslosen Konsums und Materialismus. Die spektakulären Umbrüche der letzten Jahre haben viele Menschen aus alten Zwängen befreit, sie lassen aber auch viele ratlos zurück. Viele Menschen haben das Gefühl, China sei der moralische Kompass verloren gegangen. Es herrscht heute ein spirituelles Vakuum im Land. "Wie man es auch dreht und wendet: Die Chinesen heute sind nicht glücklich", sagte im März der Vorsitzende des Shanghaier Zentrums für geistige Gesundheit, Xiao Zeping, bei einer Psychiatrie-Konferenz in Guangzhou. Mehr und mehr Menschen sind auf der Suche nach innerem Frieden. Zwei Kreise melden explosiv wachsenden Zulauf: Die Psychologen und Psychiater im Land - und die Religionen.

Chinas Verfassung erlaubt heute offiziell fünf Religionen: Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus und "Christentum" (in China nennen sie so den Protestantismus). Allen Kirchen gemein ist, dass sie unter Aufsicht der Partei stehen und jeder Kontakt zu "feindlichen Kräften" außerhalb Chinas strikt untersagt ist, was für Chinas Katholiken bedeutet, dass sie, offiziell zumindest, dem Papst abschwören müssen. Die Kirchengemeinden betreiben die Kirchen und ernennen Mönche und Priester, treten ansonsten in der Gesellschaft jedoch nicht als unabhängige Stimme auf, was dem tiefen Misstrauen der KP gegenüber jeder Form von Zivilgesellschaft geschuldet ist. Vor allem Buddhismus und Christentum boomen. Die Zahl der buddhistischen Stätten im Land hat sich seit 1997 fast verdreifacht, auf heute 33 000. Die Zahl der Mönche an buddhistischen Klöstern ist weiter streng begrenzt, aber sie haben riesigen Zulauf an Laien, und buddhistische Meister und Gurus in den Städten können sich vor neuen Jüngern aus Chinas Mittel- und Oberschicht kaum retten. Vergangenes Jahr machte der Chef der staatlichen Tsingtao-Brauerei, Jin Zhiguo, Schlagzeilen, als er sich in ein taiwanisches Kloster zur Meditation zurückzog.

Gleichzeitig erlebt das Christentum, vor allem seine protestantischen Flügel, überall im Land einen Aufschwung, welcher der Partei nicht geheuer ist. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Die KP selbst spricht von 23 Millionen Christen im Land, unabhängige Beobachter tippen angesichts der vielen Haus- und Untergrundgemeinden eher auf das Dreifache, möglicherweise hat die Zahl der Christen auch schon die der 87 Millionen KP-Mitglieder überholt. Einer der besten Kenner der Materie, Yang Fenggang von der Purdue-Universität im amerikanischen Indiana hält ein Wachstum auf 250 Millionen Christen bis zum Jahr 2030 für möglich - dann wäre China die größte christliche Nation der Welt.

Bei dem Wachstum wird China die größte christliche Nation

KP-Chef Xi Jinping erklärte im Februar 2014 erstmals, dass der wachsende Glaube im Land auch "die Nation stärken" könnte. Dabei ist die subversive Kraft religiöser Bewegungen vor allem in Umbruchzeiten in Chinas Geschichte wohldokumentiert; die Taiping-Rebellen, angeführt vom gescheiterten Beamtenanwärter Hong Xiuquan, der sich nach Visionen für den Bruder Jesus' hielt, hätten vor mehr als 150 Jahren um ein Haar das Kaiserreich gestürzt. Vor allem das Christentum - in ihren Augen Einfallstor für "feindliche ausländische Kräfte" - beäugt die Partei misstrauisch. Die Behörden der Küstenstadt Wenzhou ließen 2014 Hunderte Kreuze von Kirchen entfernen und einige der Gotteshäuser gar abreißen. Anfang dieses Jahres dann startete die KP der Provinz Zhejiang - zu der Wenzhou gehört - eine Kampagne zur Säuberung ihrer Reihen: Parteikader sollten öffentlich dem Christentum abschwören. Atheismus sei "die Grundvoraussetzung" für jeden guten Kommunisten. Die Aktion zeigte vor allem eines: Dass die Suche nach Sinn und Religion längst in die Reihen der Partei eingesickert ist.