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Coronavirus und Kommunikation:Ruf einfach an

Comeback wegen des Coronavirus: das Telefon.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Telefongespräch hatte schon fast ausgedient. In Zeiten der Pandemie aber ist es plötzlich wichtiger denn je, eine menschliche Stimme zu hören.

Wir hören wieder Stimmen, und das ist ausnahmsweise eine gute Nachricht. Denn am liebsten hören wir in diesen Stunden die vertrauten Stimmen unserer Freunde, die noch nie weiter von uns entfernt waren als im Augenblick, auch wenn sie in der gleichen Stadt wohnen, die einen um die Ecke, die anderen in einem ferneren Bezirk. Die großen Stimmenübertragungs-Unternehmen Vodafone und Telekom merken jetzt, dass die Zahl der Telefonate größer geworden ist als in den Zeiten vor dem Virus.

Kleiner Rückblick auf hustenfreie Tage: Parallel zur Abnahme der Telefonate war unser Hochmut stark angestiegen, unser Hochmut gegenüber den schönen alten Errungenschaften der Technik, zu denen das Telefon natürlich gehört. Wozu überhaupt noch telefonieren, wenn alle Menschen dieser Erde das, was sie einander sagen möchten, auch knapp und schriftlich mitgeben können? Wenn wir mitten im Sturm sind, im Sturm der Daten, Verabredungen, Verpflichtungen und Konferenzen, können wir auf jede weitere Stimme gut und gerne verzichten. Den Freund, die Freundin sehen wir ohnehin heute Abend in der Paris Bar, da reichen ein paar SMS-Koordinaten und ein eilig hinterherbuchstabiertes "Ich freue mich".

Leider sehen wir niemanden heute Abend, weder in der Paris Bar noch im Schumann's noch an einem anderen Ort, wo Freunde trinkend neben Fremden stehen. Wir würden die Paris Bar oder das Schumann's ja gerne bei uns zu Hause einrichten, können aber nicht garantieren, dass der gesetzlich geforderte Mindestabstand eingehalten wird. Deshalb rufen wir an oder wir werden - weil das böse Virus ja auch einen kleinen freundlichen Bruder hat, den Sozialkontakte-Sehnsuchts-Virus - vielleicht sogar angerufen.

Und dann ist es wieder ein bisschen so wie früher, als man im Telefon ein kleines imaginäres Konversationskabinett gesehen hat. Die Quasselstrippe, erinnert sich noch jemand an dieses hübsche Wort? Es hatte natürlich eine Referenz zum Telefon, das an einer Strippe hing, die das Quasseln geduldig und vorurteilsfrei in die Welt verschickte. Sie taugte seinerzeit als, heute würde man sagen: misogyne Karikatur. Die heute nicht ganz zu Unrecht vergessene Komikerin Gisela Schlüter machte ein Geschäftsmodell daraus und wurde zur "Quasselstrippe der Nation" erhoben.

Das Telefon jedenfalls ist uns jetzt so lieb wie schon lange nicht mehr. Und weil es heute mit Facetime oder Whatsapp sozusagen zu den bildmächtigen Verfahren gehört, heilt uns das ins Visuelle verlängerte Fernsprechgerät von Fernweh und Sehnsucht nach dem anderen, ein bisschen jedenfalls. Hier und da ist zu lesen, dass eine Krise wie die gegenwärtige viele Menschen dazu veranlasst, die Nachteile der Globalisierung nun besonders schwer wiegen zu lassen und vermehrt darauf zu setzen, dass die alten Tugenden des Hier und Jetzt wieder in ihr Recht gesetzt werden.

Wenn es noch lange dauert, werden wir vielleicht sogar ein Telefonbänkchen in den Flur stellen, schön mit grünem Velours überzogen, und wir werden stundenlang dort sitzen und quasseln. Wir werden plötzlich erkennen, dass die Freundin, deren stimmliche Schrillheit wir in der Paris Bar oft belächelt haben, eigentlich ein schönes samtenes Timbre in ihre Stimme legen kann, und der tiefe Bass von Ulf kommt jetzt erst richtig zur Geltung, er beruhigt und schützt uns wie der Zottelbär von Janosch. Wir werden, nunmehr vollends sentimental geworden, zu überzeugten Telefonikern und schaffen uns den Bakelit-Apparat von Manufactum an, weil wir uns noch mehr in die alte Fernsprechkultur zurückgewöhnen wollen.

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Aber vielleicht sind wir auch einfach nur erstaunt über uns selbst, weil wir spüren, wie viel uns die Stimme des anderen bedeutet. Und haben wir, den Hörer in der Hand, nicht plötzlich eine besondere Empfindsamkeit für die Zwischentöne in der Rede unserer Freunde entwickelt? Und wir selber? Reden wir nicht auch anders, freier und behutsamer zugleich, weil niemand das, was wir sagen, an unserer Mimik überprüfen kann?

Während wir so reden und zuhören, kommt uns ein beschämender Gedanke: Haben wir das Telefon, das allzeit verfügbare, in den letzten Jahren nicht unbotmäßig als schnelles Kommunikationsmittel missbraucht oder zumindest verbraucht, so lieblos wie wir mit dem Telefon umgegangen sind? Jetzt, da wir einander nicht mehr sehen können, möchten wir das Telefon nicht mehr so en passant im Bus oder in der Bahn (das geht ja ohnehin nicht mehr) als Gerät zum Hineinbrüllen nutzen, sondern wir möchten in aller Ruhe dasitzen und reden, so als hätten wir ein leibhaftiges Gegenüber. Und haben wir das nicht auch, selbst wenn wir es nicht sehen? Zu Zeiten unserer Großeltern hieß das Telefon auch "Apparat", weil es eines der wenigen technischen Geräte im Haushalt vorstellte. "Am Apparat" lautete die Antwort auf die Frage, ob man mit Herrn oder Frau Sowieso spreche. Auf einen solchen distinguierten Ausdruck der Befremdung und Distanz kämen wir heute natürlich nicht mehr.

Das Handy ist für uns kein Apparat, sondern eine Verlängerung der Extremitäten und ein erweitertes Sinnesorgan. In der Zeit der Krise und der Einsamkeit müssen wir es mit Fantasie und Assoziation neu kalibrieren, denn zum Telefonieren braucht es Vorstellungskraft. Die Stimme des vertrauten Freundes rückt uns dann sein Bild vor Augen, und wir müssen aus seinen Worten und seiner Stimme schließen, ob er noch Lust hat weiterzuplaudern. Oder ob er jetzt nicht doch auch genug von unserer Stimme hat.

© SZ vom 21.03.2020/mkoh
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