Paris-Kolumne "La Boum":Große Gefühle

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Für eine emotionale Achterbahnfahrt braucht man keine Amour fou, findet unsere Kolumnistin. Es reicht völlig, sich in Paris aufs Fahrrad zu setzen.

Von Nadia Pantel

Vor ein paar Jahren lief in den Kinos der schöne Film "Call Me By Your Name". Da ging es zum einen darum, wie wunderbar das Leben ist, wenn man es unter der Sonne Italiens verbringt. Und zum anderen um eine erste große Liebe. Gegen Ende des Films hält der Vater des Verliebten einen Monolog, in dem er seinem Sohn erklärt, dass er seinen Liebeskummer genießen solle. Weil das Herz irgendwann zu müde und ausgeleiert sei für große Gefühle.

Es ist eine anrührende Szene, aber sie wirkt unglaubwürdig, wenn man einmal in Paris Fahrrad gefahren ist. Kein Herz der Welt kann so erschlafft sein, dass es nicht sofort von sich multiplizierenden Gefühlen erfasst würde. Freude zum Beispiel, Angst, rasende Wut.

Wenn ich morgens vor die Tür trete, ist mein Kopf meist noch ein bisschen langsamer als meine Füße. Dann erreiche ich mein Fahrrad und damit das erste, noch vergleichsweise sanfte Gefühl. Es heißt Ekel. Im Korb meines Fahrrads erwartet mich jeden Morgen der Müll der Nacht. Wenn ich losfahre, tropft ein bisschen Bier aus den Dosen, die im Korb abgelegt wurden, leere Chipstüten rascheln im Fahrtwind.

Zehn Minuten später scheppern die Dosen und ich dann die Rue de Rivoli entlang. Sie ist die Vorzeigestraße der frisch erfundenen Fahrradstadt Paris, weil hier kaum noch Autos fahren dürfen. Für mich ist die Rue de Rivoli der Ort, an dem ich endgültig aufwache. Die Regeln für das Fahrradfahren in Paris wurden auf dem Jahrestreffen einer anarchistischen Splittergruppe erarbeitet. Sie lauten: Jeder hat recht. Ampeln sind nur Laternen, die bunt tanzen. Und wenn jemand anderes so bescheuert fährt wie du selbst, musst du ihn sehr laut anschreien.

An diese Grundsätze halten sich neben mir und allen anderen Radfahrern auch Motorradfahrer, Elektrorollerfahrer und Menschen, die auf diesem bizarren Gefährt unterwegs sind, das nur aus einem Rad und zwei Fußstützen besteht. Letztere Gruppe ist erstaunlich zahlreich. Mittlerweile kann man auch Kellner, die Tabletts herumtragen, auf den Pariser Radwegen antreffen. Durch die Pandemie durften die Restaurants ihre Terrassen so sehr vergrößern, dass sie manchmal von einer Straßenseite bis zur anderen reichen.

Während ich Schimpfwörter in die Stadt zische, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie kenne, erinnere ich mich manchmal daran, nach links und rechts zu schauen. Das sind dann die Momente, in denen das Herz seine ganze Dehnbarkeit zeigen darf. Stellen Sie sich mal vor, Sie fahren gerade den Quai Voltaire entlang, die Seine glitzert in der Sonne, die Bouquinistes rauchen vor ihren grünen Bücherkisten, eine Motorradfahrerin nimmt Ihnen die Vorfahrt, ein Tourist macht auf seinem Elektroroller genau vor Ihnen eine Vollbremsung, Sie weichen aus, durch das Geruckel wird der Müll aus Ihrem Fahrradkorb katapultiert und dann rollt die leere Bierdose gegen die ersten Kastanien des Jahres. Ich sag es ja: Gefühle.

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