bedeckt München 12°

Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Wie viel Wahrheit darf es denn sein?

"Mein Lieblingsenkel", rief die Oma und taxierte Reinhard, "Wen hast du mir denn zum Geburtstag mitgebracht?" "Das ist Reinhard", sagte der Sohn, "mein ..." " ... sein Zimmernachbar", rief der Vater. "Ach so?", sagte die Oma, "Ich dachte, du hättest eine Eigentumswohnung?"

Die Mutter stimmte unvermittelt und überlaut Hoch soll sie leben an, doch nur der Vater und ein paar überraschte Onkel und Tanten fielen ein, schließlich hatten sie sich gerade erst an der Tafel niedergelassen.

Die Oma ließ sich nicht ablenken, die Eltern wirkten panisch. "Reinhard, der Ehrliche, ein schöner Name. Passt er denn zu Ihnen?", fragte die Oma, direkt wie immer. Die Eltern atmeten hörbar ein. Also er habe kein Problem mit der Wahrheit, meinte Reinhard, wie es denn bei der Dame selbst darum bestellt sei? Die Eltern saugten wieder lautstark die Luft ein. "Was ist denn heute nur los mit euch?", fragte die Oma.

"Wie geht es deinem Herz, Oma?"

Dann taxierte sie wieder ihren Enkelsohn. "Also, Oma, reg dich nicht auf ...", begann er. "Wie lange sagtest du, seid ihr schon ... Zimmernachbarn?", unterbrach ihn die Oma. "Fünf Jahre", antwortete er und blickte seine Eltern strafend an. Die atmeten hörbar aus.

"Nun lasst doch endlich euer Geschnaufe sein", rief die Oma, "und macht den beiden mal Platz neben mir. Wenn der Junge endlich nicht mehr allein unsere Familienfeiern durchstehen muss!" "Weißt du, Oma, Reinhard und ich ...", setzte ihr Enkel neu an. "Schon gut, mein Junge. Gleich und gleich gesellt sich gern. Das weiß ich doch aus meinem Mädcheninternat. Da mochten sich manche Mädel sehr viel lieber, als das die Nonnen gerne gesehen hätten. Wobei da auch einige dabei waren ..."

Die Eltern, der Enkel und Reinhard schnappten nach Luft. "Ist euch nicht gut?", fragte die Oma. "Und", sagte der Enkel, "es macht dir nichts aus? Oder deinem Herzen?"

Das stolpere so oder so, meinte die Oma. Nur der Opa, Gott habe ihn selig, hätte davon nichts erfahren dürfen, der sei ja latent homophob gewesen. Nicht einmal entspannt mit den Vereinskameraden habe er geduscht. Die hätten schon gelacht über ihn, weil er sich beim Umziehen stets bedeckt gehalten habe. "Immer mit dem Rücken an der Wand, weißt du noch, mein Sohn?", fragte die Oma vergnügt.

Es geht auch anders: Ein Vater in den USA nahm seinem Sohn die Angst vor dem Coming-out - mit dieser Notiz.

Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren unter der Kolumne.

Auf SZ.de erscheint immer montags die Familienkolumne über das Zusammenleben von Eltern, Kindern und Großeltern, aber auch Tanten und Onkeln, Cousins, Nichten, Neffen - eben allen, die das Familienleben bereichern, erleichtern oder auch ein bisschen komplizierter machen.

Sie können gerne einen Themenvorschlag an die Autorin Katja Schnitzler mailen: Was treibt Sie in Ihrer Familie in den Wahnsinn oder was macht das Leben erst richtig schön?

Und alles zum Thema Erziehung von Babys bis hin zu Jugendlichen finden Sie im Erziehungsratgeber.

© SZ.de/leja/liv
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema