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Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Wer ist hier schwul?

Familien-Kolumne

Wird der Sohn später mal Frauen lieben? Oder Männer? Oder beide?

(Foto: Stephanie Wunderlich)

Irgendwann hatte sogar der Vater akzeptiert, dass sein einziger Sohn schwul ist. Doch den familiären Frieden trübt eine Vorgabe: Die Oma darf nichts erfahren.

Von Katja Schnitzler

Inzwischen wussten alle, dass der Sohn lieber einen Mann an seiner Seite hatte. Inzwischen kamen auch alle gut damit klar, sogar sein Vater. Der hatte ein bisschen länger gebraucht, um zu akzeptieren, dass sein einziger Sohn schwul ist.

Der Vater hatte ihm in der ersten Zeit noch besonders nette Mädchen gezeigt und ihm zugeraunt, dass er die ja nicht von der Bettkante stoßen würde. Der Sohn hatte zurückgeraunt, er auch nicht, solange sie nicht zu ihm unter die Decke wollten.

Seine Schwester hatte es längst gewusst, auch wenn sein Sinn für Mode entgegen jedem Klischee völlig unterentwickelt war. Die Geschwister standen eindeutig auf denselben Typ Mann. Als sie gemeinsam ausgingen, hatte seine Schwester vorgeschlagen: "Ich versuch mein Glück. Wenn er schwul ist, sag ich dir Bescheid. Und umgekehrt." So hatte er Reinhard kennengelernt.

"Ich glaube, ich werde lesbisch"

"Ein Seelenverwandter", waren sich Schwester und Mutter einig. Nur Letztere fand es "so schade, dass er mir keine Enkel schenkt". Und setzte die Schwester unter Druck: "Dann musst du eben mehr Kinder bekommen!" "Ich glaube, ich werde lesbisch", konterte diese. Der Vater verschluckte sich und rang nach Luft.

Er hatte das glückliche Männer-Paar am Anfang nicht aus den Augen gelassen. Besonders Reinhard nicht. Früher, noch nicht aufgeklärt, hatte der Vater alle "Kumpel" seines Sohnes mit derbem Schulterklopfen begrüßt, ihnen herzlich in die Seite geknufft und sogar den Grill überlassen. Reinhard hingegen reichte er zu Begrüßung die weit ausgestreckte Hand, ließ ihm stets den Vortritt und hielt sich auch sonst sehr bedeckt. Am sichersten fühlte er sich mit dem Rücken zur Wand.

Und wenn Reinhard sich von dem Sohn verabschieden wollte, schrie die Schwester: "Schnell, Papa, schließ die Augen!" "Wieso?" "Sie küssen sich gleich!"

Schließlich sprach die Mutter ein Machtwort: Was er denn denke, was passiere, sollte Reinhard einmal seine Rückseite zu Gesicht bekommen? Die früher einmal knackig war, nun aber gerade den Kampf mit der Schwerkraft verlor? Dass Reinhard ihn völlig enthemmt anspringen würde? Das wäre ja so, als würde jede Frau auf der Straße über jeden Kerl herfallen, der des Weges kam. "Und deine unglaublich universale Anziehungskraft hat inzwischen sowieso etwas nachgelassen. Leider, mein Liebling."

Zur Überraschung des Vaters konnte Reinhard sogar grillen. Der Vater kam aus der Deckung und fand sich damit ab, dass er nie eine Schwiegertochter bekommen würde. (Außer seine Tochter machte ihre Drohung wahr ... aber nein, das konnte nicht sein. Oder doch? Er würde das Mädchen im Auge behalten. Und ihr ein paar attraktive Jungs vorstellen, richtige Kerle! Hoffentlich. Ach, die Welt war kompliziert.)

Doch die Harmonie stieß an eine Grenze, und die hieß Familienfeier. Auch wenn Reinhard schon dazugehörte, hier war er von den Eltern nicht erwünscht. Der Grund war die Oma väterlicherseits. "Wenn sie es jemals erfährt, bringt sie das ins Grab", war der Vater sicher. Und: "Wir müssen warten, bis sie tot ist." Dann könne Reinhard so oft und so lange an Familienfeiern teilnehmen, wie er wolle.

"Aber zu seiner eigenen Hochzeit darf er schon kommen?", fragte der Sohn säuerlich, der in letzter Zeit ernstere Absichten hegte. Und der genug davon hatte, bei den familiären Festlichkeiten als "notorischer Single" aufzutreten und auf jedes seiner Worte achten zu müssen, der Oma zuliebe, ihr Herz ist doch schon angegriffen ...

"Die überlebt uns noch alle", meinte der Sohn und beschloss, beim nächsten Besuch der alten Dame nicht mehr allein anzureisen. Als das Paar den Festsaal - es war der 85. Geburtstag der Oma - betrat, schnappten die Eltern hörbar nach Luft. "Na endlich", sagte die Schwester.

Wie viel Wahrheit darf es denn sein?

"Mein Lieblingsenkel", rief die Oma und taxierte Reinhard, "Wen hast du mir denn zum Geburtstag mitgebracht?" "Das ist Reinhard", sagte der Sohn, "mein ..." " ... sein Zimmernachbar", rief der Vater. "Ach so?", sagte die Oma, "Ich dachte, du hättest eine Eigentumswohnung?"

Die Mutter stimmte unvermittelt und überlaut Hoch soll sie leben an, doch nur der Vater und ein paar überraschte Onkel und Tanten fielen ein, schließlich hatten sie sich gerade erst an der Tafel niedergelassen.

Die Oma ließ sich nicht ablenken, die Eltern wirkten panisch. "Reinhard, der Ehrliche, ein schöner Name. Passt er denn zu Ihnen?", fragte die Oma, direkt wie immer. Die Eltern atmeten hörbar ein. Also er habe kein Problem mit der Wahrheit, meinte Reinhard, wie es denn bei der Dame selbst darum bestellt sei? Die Eltern saugten wieder lautstark die Luft ein. "Was ist denn heute nur los mit euch?", fragte die Oma.

"Wie geht es deinem Herz, Oma?"

Dann taxierte sie wieder ihren Enkelsohn. "Also, Oma, reg dich nicht auf ...", begann er. "Wie lange sagtest du, seid ihr schon ... Zimmernachbarn?", unterbrach ihn die Oma. "Fünf Jahre", antwortete er und blickte seine Eltern strafend an. Die atmeten hörbar aus.

"Nun lasst doch endlich euer Geschnaufe sein", rief die Oma, "und macht den beiden mal Platz neben mir. Wenn der Junge endlich nicht mehr allein unsere Familienfeiern durchstehen muss!" "Weißt du, Oma, Reinhard und ich ...", setzte ihr Enkel neu an. "Schon gut, mein Junge. Gleich und gleich gesellt sich gern. Das weiß ich doch aus meinem Mädcheninternat. Da mochten sich manche Mädel sehr viel lieber, als das die Nonnen gerne gesehen hätten. Wobei da auch einige dabei waren ..."

Die Eltern, der Enkel und Reinhard schnappten nach Luft. "Ist euch nicht gut?", fragte die Oma. "Und", sagte der Enkel, "es macht dir nichts aus? Oder deinem Herzen?"

Das stolpere so oder so, meinte die Oma. Nur der Opa, Gott habe ihn selig, hätte davon nichts erfahren dürfen, der sei ja latent homophob gewesen. Nicht einmal entspannt mit den Vereinskameraden habe er geduscht. Die hätten schon gelacht über ihn, weil er sich beim Umziehen stets bedeckt gehalten habe. "Immer mit dem Rücken an der Wand, weißt du noch, mein Sohn?", fragte die Oma vergnügt.

Es geht auch anders: Ein Vater in den USA nahm seinem Sohn die Angst vor dem Coming-out - mit dieser Notiz.

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© SZ.de/leja/liv
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