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Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Wie es hier wieder aussieht

Familien-Kolumne

Die Eltern saugen und verräumen, während die Kinder verschmutzen und durcheinanderbringen. Wenigstens kommen sie so mit gesundheitsfördernden Bakterien in Kontakt.

(Foto: Stephanie Wunderlich)

Manche Kinder lieben Dreck, anderen ist er einfach egal, aber in die Wohnung tragen sie ihn alle. Dort verteilen sie Kiesel, Brösel und Flecken aller Art großflächig auf Böden, Sitzmöbeln und Wänden. Eltern könnten den Schmutz ignorieren. Oder zu Kunst erklären.

Dass ihr Kind eine andere Herangehensweise an Schmutz hatte als sie selbst, wurde der Mutter früh klar: Sie ertappte das gerade krabbelfähige Baby dabei, als es hingebungsvoll die schlammverschmierten Reifen des Kinderwagens ableckte. Bis dahin hatte die Mutter noch Schnuller und Sauger bakterienfrei abgekocht.

Diese unterschiedliche Sichtweise sollten Kind und Mutter beibehalten, auch das kleine Geschwisterchen konnte jeder Art von Dreck einiges abgewinnen.

Dabei ist die Mutter eigentlich keine Sauberkeitsfanatikerin und ihr höchstes Glück auf Erden sicher keine blank gewienerten Holzdielen. Doch wenn sie den Boden schon mal putzt, sollte der Zustand der Sauberkeit doch bitteschön länger anhalten als fünf Minuten. Und es sollte auch dann noch zu erkennen sein, dass jemand sich hier abgemüht hat, nachdem die Kinder nach Hause gekommen sind. Oder etwas gegessen haben.

Leider sehen die Kinder die Sache mit dem Schmutz völlig anders, oder besser gesagt: Sie sehen ihn überhaupt nicht. Hemmungslos schütteln sie sich im Wohnzimmer den Dreck der großen weiten Welt aus den Kleidern, kippen den Spielplatzsand aus umgeschlagenen Hosenbeinen und Taschen. Man muss kein Fährtenleser sein, um ihren Weg ins traute Heim nachvollziehen zu können: Die Spuren sind leicht zu verfolgen, aber oft aufwändig zu verwischen.

Der Schmutz variiert je nach Jahreszeit: Im Sommer hinterlassen eine Mischung aus Sonnencreme und Straßenkreide schwer zu beseitigende Hinweise darauf, wo die Kinder im Lauf des Tages standen, saßen und lagen. Viele Eltern wissen inzwischen, dass sich manche Sonnencreme unauslöschbar in den Lack von Autos ätzt, eine stete Erinnerung an einen eigentlich schönen Sommertag. Andere Eltern werden es noch erfahren.

Im Spätherbst mischen sich unter glitschiges Laub und feuchte Schuhabdrücke schon einige scharfkantige, fußbodenzerkratzende Rollsplitt-Steinchen, die ersten Vorboten des Winters. Sie begleiten die Kinder bis ins Frühjahr hinein - leider auch in die Wohnung, obwohl sie die Schuhe vor der Tür ausziehen müssen. Woran sie aber nicht jedes Mal denken, wenn sie hungrig und mit neuen Abenteuergeschichten nach Hause kommen.

Dann sitzen die Kinder am Esstisch, nein, sie rutschen, hopsen, wippen, schaukeln, stehen zwischendurch auf und laufen umher. Mit dem Brot in der Hand zeigt der eine, wie er gerade noch wild mit dem Nachbarsjungen gekämpft hat, und Hu! und Ha!

Der Schwester fällt vor Lachen das halb zerkaute Brot aus dem Mund. An den Krümeln unter dem Stuhl könnte sich inzwischen eine Mäusekolonie sattfressen, die Ameisen haben schon mal angefangen und freuen sich besonders über die Butterstückchen. Eine Salamischeibe hebt beim letzten imaginären Schwerthieb vom Brot ab. Die Mutter findet sie nach längerer Suche doch noch - am Fenster.