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Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Rebellion der Wohlerzogenen

Familien-Kolumne

Ein gutes Glas Wein genießen Eltern manchmal lieber daheim als im Restaurant. Da stört es nur sie selbst, wenn die Kinder mal wieder etwas lauter werden.

(Foto: Stephanie Wunderlich)

Ein Restaurant erlässt seinen Gästen Geld, sofern sich deren Kinder gut benehmen. Eine schöne Idee, finden die Eltern - die Kinder sind da anderer Meinung. Eine explosive Mischung.

Die Plätze bei Luigi waren belegt, an fast allen Tischen speisten Familien mit Kindern. Trotzdem war es ungewöhnlich still. Nur ein Tisch direkt neben der Theke war noch frei. "Na toll", sagte der Vater, "direkt vor den Augen des Personals. So bekommen wir die fünf Euro nie." "Sollen wir wieder gehen?", fragte die Mutter. "Ich habe aber Hunger", jammerte der Sohn. "PSCHT!", machten beide Eltern.

Hatten sie ihm nicht gerade eindringlich erklärt, dass er sich in der nächsten Stunde nur von seiner allerbesten Seite zeigen durfte? Dass Reden nur erwünscht ist, wenn er gefragt wird? Und hatten sie ihn gerade etwas gefragt? Nein!

"Nur wegen der blöden Prämie", motzte der Sohn. Die Kellner hinter der Bar schauten auf. "PSCHHHT!", zischten die Eltern, drückten den Sohn hastig auf einen Stuhl und lächelten die Kellner an, wenn auch etwas gezwungen.

Neulich hatten sie in der Zeitung gelesen, dass Wirt Luigi es einem japanischen Lokal im kanadischen Calgary nachmachte und von nun an jeder Familie einen Preisnachlass von fünf Euro gewähren wollte. Doch die Sache hatte einen Haken: Den Rabatt gab es nur, wenn sich die Kinder beim Essen vorbildlich benahmen.

In dem Zeitungsartikel hatte sich Luigi darüber entrüstet, wie sich die Kinder seiner Gäste bislang beim Restaurantbesuch erst laut schmatzend durch die Pizzen mampften, um sich dann spontan zu Banden zusammenzuschließen, die johlend zwischen den Tischen umherjagten.

Mund zu! Zappel nicht!

Die Eltern der Wüstlinge ignorierten dies entweder und genossen ihre Zweisamkeit, wenn auch laut brüllend, um den Lärm ihrer Sprösslinge zu übertönen. Oder die Erwachsenen schlangen ihr Menü hastig herunter ("Das gute Essen, mit so viel Liebe gemacht", wurde Luigi zitiert), um möglichst bald aufzubrechen. Die übrigen Gäste ohne Kinder gingen ebenfalls, um niemals wiederzukehren. "Ich will im Da Luigi nur noch wohlerzogene Kinder, und das lasse ich mich etwas kosten", hatte Luigi gesagt.

Offenbar ging sein Konzept auf, die Elternpaare konnten sich nun in Zimmerlautstärke miteinander unterhalten. Das beständige Zischen über den Plätzen störte da kaum: Zappel nicht! Mund zu! Sitz ruhig! Und gerade! Iss über dem Teller! Bleib sitzen! Schmatz nicht! Schlürf nicht! Wer hat hier gerülpst?

Nur am dritten Tisch neben dem Eingang gab es offenbar ein Problem: "Ich habe doch gleich gesagt, dass eine Schlaftablette genügt!", herrschte der Mann seine Frau an, die den tomatensoßenverschmierten Kopf ihrer Tochter aus dem Spaghetti-Teller hob. Die schlafende Tochter schnaubte beim Ausatmen Nudel- und Tomatenstückchen über die blütenweiße Tischdecke. "Tisch drei zahlt heute fünf Euro drauf", rief Wirt Luigi dem Kellner zu.

Der Vater warf der Mutter einen vielsagenden Blick zu. Sie bestellten für ihren Sohn Pizza statt Pasta und, nein danke, kein Getränk - das stößt er doch meistens um. "Aber ich habe Durst", meckerte der Sohn. "PSCHT jetzt!", zischten die Eltern. Dann rückten sie seinen Stuhl so nahe an den Tisch, dass die Lehne ihn gegen die Kante presste.

"Luft", japste der Sohn. "Bleib so, sonst fällt dir wieder ein Stück Pizza unter den Tisch", sagte die Mutter. Dennoch versuchte der Sohn, durch unauffälliges Hin- und Herwackeln des Stuhles, ein wenig Spielraum zu gewinnen.

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