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Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Grauen am Morgen

Familien-Kolumne

Müssen Langschläfer-Eltern zu früh aufstehen, kommen sie irgendwie den ganzen Tag nicht mehr richtig in Schwung.

(Foto: Stephanie Wunderlich)

Unter der Woche kämpfen Langschläfer-Familien täglich damit, überhaupt aus dem Bett zu kommen. Dann müssen auch noch alle rechtzeitig fertig werden. Zum Glück können sie am Wochenende ausschlafen, denken sie. Ein Irrtum.

Es ist 6:45 Uhr, viel zu früh am Morgen. Kein Schütteln und Rütteln, kein Drohen und Wüten, keine Trommelwirbel und Fanfaren helfen: Das Kind wacht einfach nicht auf - von Aufstehen kann gar keine Rede sein. Doch die Zeit läuft, morgens leider schneller.

In einer halben Stunde wird das ausgeschlafene und komplett bekleidete Nachbarskind (Schlaftyp frühaufstehende Lerche) vor der Tür stehen, um das abgehetzte Eulen-Kind mit zur Schule zu nehmen. Dieses wird erst in einen Ärmel der Jacke geschlüpft sein, da es in der anderen Hand noch ein halb gegessenes Frühstücksbrot hält. Der zweite Schuh wird sich auch wieder mal versteckt haben.

Für langschlafende Eulen-Familien beginnen Schul- und Arbeitstage zu Uhrzeiten, an denen sich die Eltern selbst noch nicht für zurechnungsfähig halten. Trotzdem stellen sie am Abend zuvor zähneknirschend vier Wecker im Schlafzimmer und einen im Flur, auf 06:12, 06:14, 06:17, 06:18 und 06:22 Uhr.

Am Morgen schalten die Eltern knurrend und gähnend einen Wecker nach dem anderen aus und das Licht an. Wie Laserstrahlen sticht es schmerzhaft in die Augen, die Badtür muss ertastet werden. Während sich der Uhrzeiger heimtückisch schneller dreht, bewegen sich die Eulen-Eltern zeitlupengleich.

Leider.

Geht.

Am Morgen.

Alles.

So.

Langsam.

Während der eine Butter aus dem Kühlschrank hooooolt, das Brot niiiiiimmt, es auf den Teller leeeeegt, die Butter streiiiiiiicht, streiiiicht und streiiiiicht, müht sich der andere ab, das Kind aus dem Bett zu nötigen. Als es noch kein Schulkind war, sprach es von seiner morgendlichen "Auferstehung". Auch die Eltern haben das Gefühl, es von den Toten erwecken zu müssen.

Rütteln, Locken und Schimpfen versagen. Nur die Drohung mit einem Eimer eiskalten Wassers bewegt das schlaftrunkene Kind, sich taumelnd auf den Weg ins Bad zu machen. Der Rücken ist gebeugt, die Hände schleifen über den Boden. Was es da mache? "Ich lasse mich noch ein wenig hängen." Die Eltern nicken verständnisvoll.

"Für uns ist das alles kein Problem", zwitschern die aufgeweckten Lerchen-Eltern ausgeschlafener Frühaufsteher-Kinder. Sie springen zeitgleich mit dem Nachwuchs um Punkt sechs Uhr morgens aus dem Bett, ganz ohne Zwang und schon vor dem ersten Weckerklingeln. Eine Stunde später haben sie gefrühstückt, Pausenbrote geschmiert und den Kindern ihre Lieblingsbücher vorgelesen. Danach haben die Eltern Kaffee getrunken, dabei über das aktuelle politische Geschehen diskutiert und einen tragfähigen Rettungsplan für ein bis zwei Krisenherde dieser Welt entworfen, den sie direkt an die Vereinten Nationen gemailt haben. Danach ist immer noch Zeit für einen zweiten Kaffee.

Eulen-Eltern, die der heruntergeratterten Beschreibung eines Frühaufsteher-Morgens gedanklich kaum folgen können, retten die Welt immer erst nach 20 Uhr. Frühestens.