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Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Eier auf Klaviersaiten

Familien-Kolumne

Vergessene Ostereier lassen sich nach einiger Zeit gut am Geruch wiederfinden - waren sie in der Couch versteckt, werden sie noch schneller entdeckt.

(Foto: Stephanie Wunderlich)

Ostern feiern auch kirchlich weniger versierte Familien gerne: Die Eiersuche macht schließlich jedem Spaß. Zumindest in den ersten fünf Minuten.

Es war sechs Uhr morgens am Sonntag und die Kinder hatten es eilig. Tochter und Sohn brachen ihren Geschwindigkeitsrekord im Bad, Zahnbürste und Waschlappen berührten Zähne und Gesichter kaum, schon rissen die Kinder ihre bereitliegende Kleidung an sich. Ein Strumpfhosen-Bein der Tochter - warum war das am anderen Ende plötzlich so schwer? - beschrieb einen ungewöhnlich hohen Bogen und knallte laut knackend auf die Badfliesen. Es war Ostersonntag und das erste Ei gerade entdeckt worden.

"Ich habe doch gesagt, dein Versteck taugt nichts", raunte der Vater der Mutter zu, beide ob der Uhrzeit bei Weitem nicht in Festtagsstimmung. "Psst, die Kinder hören dich", zischte die Mutter. Am Abend zuvor hatten sie sich wirklich Mühe gegeben, den Osterhasen zu unterstützen. Sie hatten eine Glühbirne aus ihrer Halterung geschraubt und durch ein rotes Ei ersetzt, ein grünes ruhte auf den Klaviersaiten, ein ganzes Nest verbarg sich im Uhrenkasten.

Als die Verstecke im Haus belegt waren, hatten sie im Garten weitergemacht. Immerhin lag in diesem Jahr kein Schnee, das musste man ausnutzen. Das Versteckspiel hatte Spaß gemacht, zufrieden freuten sich Mutter und Vater auf einen idyllischen Familienostersonntag.

Sie hatten sich ausgemalt, wie die Kinder glücklich in allen möglichen und unmöglichen Verstecken nach bunten Eiern suchen und laut juchzend ihre Osternester erspähen würden, während sich Mutter und Vater liebevoll im Arm hielten. Vielleicht wehten noch ein paar Frühlingsblütenblätter durchs Bild. Als musikalische Untermalung könnte "Stups, der kleine Osterhase" von Rolf Zuckowski laufen. Müsste aber nicht sein.

Doch die Realität zerstörte die schöne Phantasie. Der Spruch "Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt" muss von Menschen mit Kindern erfunden worden sein.

Die Tochter hatte in fünf Minuten alle, ALLE!, Eierverstecke im Wohnzimmer entdeckt und damit die leere Zehnerschachtel wieder komplettiert. Der Sohn fand rein gar nichts. Mit jedem Jubelschrei der Tochter steigerte sich die Enttäuschung des Kleinen.

Statt sich planmäßig ihrer Osterromantik hinzugeben, versuchten die Eltern, einer Eskalation der Situation zuvorzukommen. "Schau doch mal auf dem Fensterbrett in der Küche nach", half die Mutter. Der Sohn trat näher, den Kerzenständer mit einem gelben Ei knapp vor seiner Nasenspitze, das Kinn zitterte gegen die aufsteigenden Tränen an: "Ich... sehe... kein... (schnief)... Ei."

Die Tochter, die auch noch das schwerste Versteck des Tages gefunden hatte (das grüne Ei auf den Klaviersaiten), warf einen kurzen Seitenblick herüber: "Vor dir steht es doch, du Blindvogel. Auf dem Kerzenständer." Der Sohn heulte auf.

"Such doch mal im Garten", sagte der Vater.

Während die Schwester lässig ihr Nest aus dem Uhrenkasten zog und sich über die Schokolade hermachte, eilte der Sohn in den Garten. Es gab noch Hoffnung!

Schon allein deshalb, weil die Eltern heimlich hinter ihm die drinnen gesammelten Ostereier der Zehnerschachtel entnahmen und neu versteckten. Beziehungsweise die Eier auf den Rasen legten. Die musste er einfach finden.

Doch etwas anderes hatte die Aufmerksamkeit des Sohnes erregt. Da war doch was im Busch. Dort spitzte doch, direkt am Zaun zum Nachbarn, etwas Buntes hervor.

Aber was war das: Der Sohn sah voll Entsetzen, wie sich eine kleine Hand zwischen dem Maschendraht hindurchschob und aus dem Nest (SEINEM Nest!) einen großen Schokoladenosterhasen (SEINEN Schokohasen!) zog.

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