Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Kunst? Natürlich! Einheimische Küche? Was sonst!

Lesezeit: 5 min

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr wart im Louvre? Wir haben auch einige Kunstwerke gesehen."

So war es wirklich: An einem leicht bewölkten Tag wurden die Kinder mit dem Versprechen auf spätere Eisberge in zwei Kirchen und ein Museum gelockt. Dort ging den Kindern auf, dass sie sich ja gerade sowieso hauptsächlich von Eis ernährten und damit dessen Stellenwert bei der innerfamiliären Bestechung extrem gesunken war. Die Eltern trösteten sich über den folgenden Kunst-Boykott mit einem Eiskaffee hinweg.

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr habt euch ein paar Wellnesstage gegönnt? Wir konnten auch so richtig entspannen."

So war es wirklich: Inklusive war das Sandpeeling - für den ganzen Körper am Strand, für die Füße in der Ferienwohnung. Selbst ohne Hosenumschläge trugen die Kinder noch genug Sand mit ins Haus.

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr fandet, die einheimische Küche war ein Erlebnis? Da haben wir auch einiges erlebt."

So war es wirklich: Die Kinder waren der Ansicht, dass sie sich im Urlaub früh, mittags und abends von Pommes und Eis ernähren sollten. Auf dieser Meinung beharrten sie, als die Eltern ein Mal (nur ein einziges Mal, das wird doch wohl möglich sein, zum Kuckuck!) die Haute Cuisine des Gastlandes kosten wollten. Leider bot das Menü dort nur Beilagen "an" und "bei", jedoch keine Pommes, wie der Kellner mit hocherhobenen Augenbrauen mitteilte. Die Kinder verweigerten eigene Bestellungen ("Wenn es keine Pommes gibt, essen wir gar nichts! Und wenn wir verhungern, seid ihr schuld!") und hatten damit genug Zeit, um zu nörgeln, zum Aufbruch zu drängen, zu streiten und jeden Bestandteil des elterlichen Menüs mit dem Ausruf am Tisch zu empfangen: "Iiiih, was ist das denn? Wollt ihr das wirklich essen?"

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr wart beim Rafting? Wir waren auch auf wilden Gewässern unterwegs."

So war es wirklich: Besonders wild wurde es, als das jüngste Kind rief: "Schaut, ein riesiger Fisch!" Und zur rechten Seite des sehr kleinen Bootes zeigte. Und alle vier auf der rechten Seite des sehr kleinen Bootes den riesigen Fisch sehen wollten. Stattdessen sah der Fisch, wie vier Menschen im Wasser zappelten, über ihnen ein umgedrehtes kleines Boot.

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr hattet schönes Wetter. Wir auch, irgendwie."

So war es wirklich: Am ersten Regentag lasen die Eltern pädagogisch wertvolle Bücher vor, erzählten Geschichten aus ihrer Kindheit, ärgerten sich bei Mensch-ärgere-dich nicht, erfanden Geschichten, lasen wieder vor und fragen sich, warum sie nicht mehr Bücher und Spiele eingepackt hatten. Am zweiten Tag sollten sie dieselben Geschichten von früher wieder erzählen (jeweils drei Mal), der Jüngste verzweifelte abermals beim Mensch-ärgere-dich-nicht, die pädagogisch wertvollen Bücher wurden beim zweiten Mal lesen nicht spannender. Am dritten Tag hoben die Eltern das Ferien-Fernsehverbot auf.

Das sagen die Eltern: "Ach, ihr habt Architektur-Highlights studiert? Wir haben uns ebenfalls mit den Details etlicher Bauten beschäftigt."

So war es wirklich: Das schwierigste Detail konnte bis zur Abreise nicht zur völligen Zufriedenheit geklärt werden - wie nah darf man eine Sandburg am Wasser bauen, damit der Burggraben zwar voll Wasser läuft, das Bauwerk aber nicht gleich hinweggeschwemmt wird? Schließlich wurden die Burgtürme liebevoll mit Tropfkunstwerken in der traditionellen Nasser-Sand-durch-die-Faust-quetsch-Technik verziert. Die sollten auch noch die langsam einsetzende Flut überdauern.

Das sagen die Eltern: "Wir wären gerne noch länger geblieben."

So war es wirklich: Schule? Kindergarten? Büro? Terminstress mit Turnen, Musikschule und sonstiger Frühförderung? Sie wären wirklich gerne noch länger geblieben.

Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren unter der Kolumne.

Auf SZ.de erscheint immer montags die Familienkolumne über das Zusammenleben von Eltern, Kindern und Großeltern, aber auch Tanten und Onkeln, Cousins, Nichten, Neffen - eben allen, die das Familienleben bereichern, erleichtern oder auch ein bisschen komplizierter machen.

Sie können gerne einen Themenvorschlag an die Autorin Katja Schnitzler mailen: Was treibt Sie in Ihrer Familie in den Wahnsinn oder was macht das Leben erst richtig schön?

Und alles zum Thema Erziehung von Babys bis hin zu Jugendlichen finden Sie im Erziehungsratgeber.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB