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Kolumne "Er sagt, sie sagt":Dir fällt nicht mal auf, dass ich ignorant bin

popart teaser kolumne "er sagt, sie sagt"

Jetzt sag doch auch mal was!

(Foto: iStock)

Männer: hören nie richtig zu, reden kaum und sind auch sonst völlig desinteressiert. Frauen sind da ganz anders. Und wenn nicht, liegt es an den Männern, ist doch klar. Eine Kolumne über die Kunst, im Kreis zu reden.

Herzlichen Dank an Leserin Sieglinde Dlabal, die die Anregung für diese Kolumne geliefert hat:

Sie: Was guckst'n so?

Er: Weiß nicht, wie gucke ich denn?

Sie: So herausfordernd, irgendwie.

Er: Wahrscheinlich hatte ich das Gefühl, du wolltest was sagen.

Sie: Ich hatte eigentlich gehofft, du würdest zur Abwechslung mal was sagen.

Er: Was soll das jetzt wieder heißen: zur Abwechslung?

Sie: Na, weil sonst immer ich diejenige bin, die was sagt.

Er: Aber ...

Sie: Ich weiß, du hörst das nicht gern, aber es stimmt. Männer beschweren sich nach außen hin gern, dass Frauen angeblich zu viel reden. Aber wenn man sich mal mit ihnen unterhalten will, kriegen sie den Mund nicht auf. Ich glaube, in Wirklichkeit überlassen Männer das Reden ganz gern den Frauen.

Er: Nur, weil man hier nicht zu Wort ...

Sie: Gibs's doch zu: Wenn ich nicht ständig die Unterhaltung am Laufen halten würde, wäre es hier doch total trist, man fühlt sich ja wie in einer Gruft! Ich denke, genau das ist der Grund, warum ihr uns reden lasst, ihr badet in diesem Hintergrundrauschen. Kann man sich schön zurücklehnen und mal richtig abschalten.

Er: (Öffnet den Mund, klappt ihn wieder zu)

Sie: Deshalb hört ihr auch nie richtig zu! Fragt man euch zwischendurch irgendwas, habt ihr keine Ahnung. Fühlt euch einfach nicht zuständig. Ihr registriert auch sonst nicht, was um euch herum innerhalb dieser vier Wände vor sich geht. Ob Blumen auf dem Tisch stehen. Oder ob die Küche gestrichen werden müsste. So was kriegt ihr einfach nicht mit! Es ist so eine Grundignoranz, ich glaube fast, es ist was Genetisches. Deshalb fällt euch auch nicht auf, wenn wir eine neue Jacke haben oder eine neue Frisur. Vermutlich würdest du nicht einmal bemerken, wenn ich mit einem dritten Bein daherkäme. Oder plötzlich lilablassblaue Haare hätte.

Er: (seufzt und verschränkt die Arme)

Sie: Siehst du, ich wusste es. Wieder nix. Du sagst einfach nichts!

Er: Genau. Und jetzt erst recht nicht (lehnt sich zurück und guckt sie herausfordernd an).

Sie: Sag mal, was guckst'n du jetzt wieder so?

Er: (schweigt und guckt sie mit zunehmend eisigem Blick an)

Sie (leicht verunsichert): Was ist denn nur los?

Er: Ich verrate es dir erst, wenn du alles, was du mir eben an den Kopf geworfen hast, zurücknimmst.

Sie: Aber wenn es doch stimmt!

Er (grinst selbstzufrieden): Ich wusste es. Du hast es nicht gesehen.

Sie: Was denn, um Gottes Willen?

Er: Ich. War. Beim. Friseur.

Sie: Äh ... weiß ich doch. Habe ich sehr wohl gesehen!

Er: Ach ja? Und weshalb hast du nichts gesagt?

Sie: Weil ich dachte, du würdest zur Abwechslung mal was sagen. Außerdem wollte ich testen, ob dir das überhaupt auffällt.

Er: Was bitteschön sollte mir auffallen?

Sie: Na, wenn ich ignorant bin.

Kommt Ihnen das Aneinandervorbeireden bekannt vor? Beschreiben Sie in wenigen Sätzen Ihre Erfahrungen und senden Sie sie an leben@sueddeutsche.de (Betreff: Kolumne). Unsere Autorin verarbeitet die besten Ideen zu einer Kolumne, die auf SZ.de veröffentlicht wird.

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