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Kolumne: Die Paar Probleme (2):Nächste Abfahrt: Krise

Eine Autofahrt durch Sydney offenbart die zerstörerischen Beziehungsmuster eines Paares. Ein Gespräch über Versagensängste in der Liebe.

Manchmal braucht die Liebe Unterstützung, das gilt auch - oder gerade - für "alte Hasen". Der Paartherapeut David Wilchfort und die sueddeutsche.de-Redakteurin Violetta Simon suchen im gemeinsamen Gespräch Antworten auf Beziehungsfragen unserer Leser - und zwar immer für beide Partner.

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Sie hatten an alles gedacht - Routenplaner, Hoteladresen, Leihwagen - nur die Beziehung blieb auf der Strecke.

(Foto: Foto: Istockphotos)

Diese Woche erreichte uns folgendes Schreiben:

Eva: Vor unserer Australienreise haben wir beschlossen, dass mein Lebensgefährte meistens den Leihwagen steuert, weil ich nicht so gut Auto fahre. Dafür sollte ich mich darum kümmern, die Routen zu planen. Bei unserer Ankunft in Sydney nahmen wir aber wegen der Aussicht einen kleinen Umweg. Ich verlor die Orientierung und versuchte verzweifelt, den Stadtplan zu lesen. Er schrie mich an, ich solle ihm sagen, wohin er fahren soll. Ich war so wütend, aber auch eingeschüchtert, dass ich nicht mehr mitsuchte und meinen Mund hielt. Ich weiß, dass er sich in so einer Situation im Stich gelassen fühlt und meint, alles hänge an ihm. Aber ich tue mein Bestes und könnte überlegter und selbstsicherer handeln, wenn er mich respektvoller behandeln würde.

Adam: Erst einmal vorab: Ich hatte mich sehr auf unsere Reise gefreut. Wir waren an diesem Tag gute 550 Kilometer gefahren. Als wir an eine Abfahrt kamen, war sie gerade mit der Kamera beschäftigt. Als sie mich fragte, wo wir seien, blaffte ich sie an. Ich fühlte mich alleingelassen - am Steuer eines Rechtslenkers in einer Großstadt während der Rushhour. Nachdem ich sie unter Druck gesetzt hatte, endlich die Karte zu lesen, sagte sie gar nichts mehr. Ich leide an Tinnitus und bekomme Drehschwindel bei Stress. Von meiner Freundin wünsche ich mir lösungsorientierte Hilfen. Die beschriebene Situation ist symptomatisch: Sie sagt meistens, dass sie etwas nicht könne oder dass ich es besser könne. Ich unterstelle ihr schlichtweg Bequemlichkeit.

sueddeutsche.de: Adam und Eva begeben sich auf eine große Reise in einer nicht gerade entspannten Atmosphäre. Hinzu kommen zwei klassische Streitverstärker: gemeinsamer Urlaub und lange Autofahrten. Kann man sagen: Das musste ja so kommen?

David Wilchfort: Erst einmal möchte ich Sie etwas fragen - tun Ihnen die beiden auch so unheimlich leid?

sueddeutsche.de: Ja, sehr. Sie haben keine Freude mehr aneinander.

Wilchfort: Vor allem, weil so viel Vorfreude da war. Beide dachten, das wird ganz toll, und dann - die große Enttäuschung.

sueddeutsche.de: Alles war generalstabsmäßig vorbereitet. Sie haben Hotelaufenthalte geplant, die Routen ausgedruckt. Aber das Wichtigste wurde vergessen: ihre Beziehung auf das Ereignis einzustimmen.

Wilchfort: Ich denke, sie haben noch etwas vergessen: Gelassenheit. Es gibt den Begriff "Shit happens" - egal, wie gut man plant, irgendwas läuft immer schief, ohne dass irgendjemand daran Schuld ist. Es geht auch nicht darum, sich noch besser vorzubereiten. Sondern sich auf eine andere Weise vorzubereiten, indem man sich klarmacht: Hey, das ist eine Expedition. Da werden Dinge schieflaufen, also lass uns darüber lachen und nicht auf die Suche gehen, wer jetzt hier das Missgeschick verursacht hat.

sueddeutsche.de: Nun beschränkt sich dieses Missgeschick nicht nur auf eine falsche Ausfahrt. Da liegt doch sicher mehr im Argen.

Wilchfort: Absolut. Es ist ja nicht so, dass sie sich trennen wollen, weil sie sich in Sydney einmal verfahren haben. Sondern weil das ein Muster ist - sie laufen immer in dieselbe Falle.

sueddeutsche.de: Haben Sie auch den Eindruck, dass es eher Adam ist, der es Eva nicht verzeiht, wenn etwas schiefgeht?

Wilchfort: Die beiden verhalten sich zwar unterschiedlich, doch sie ergänzen sich. Den Konflikt gäbe es nicht, wenn sie ihn nicht beide, jeder auf seine Art, unterstützen würden.

sueddeutsche.de: Ihre Rollen dabei sind aber durchaus unterschiedlich. Er wirkt auf mich ungeduldig, zuweilen aggressiv. Erwartet, dass bestimmte Dinge erfüllt werden und verweist auf seine gesundheitlichen Probleme. Sie hingegen wirkt verunsichert und hilflos. Sie klinkt sich aus und blockiert, weil er so hart mit ihr ins Gericht geht.

Wilchfort: Glauben Sie mir, mit sich selber geht Adam noch viel härter ins Gericht. Er gibt die hohen Ansprüche, die er an sich stellt, nur weiter.

sueddeutsche.de: Deshalb denke ich auch, dass es Adam schwerfällt, die Gegebenheiten einer solchen Reise zu akzeptieren. Wenn man 550 Kilometer zurücklegt, muss es doch drin sein, dass man sich auch mal verfährt!

Wilchfort: Und bei ihr ist es eben andersrum. Ihr Anteil daran ist, dass sie gar nichts mehr erwartet, weil sie sich inkompetent und unfähig fühlt.

sueddeutsche.de: Kein Wunder, bei dem Druck, den Adam auf sie ausübt.

Wilchfort: Wenn sie akzeptieren würde, dass solche Dinge passieren, wäre es leichter. Indem sie sich einredet, dass sie es nicht schafft, ihm zu genügen, wird sie auch inkompetent. Sie schreibt sogar: "Dann halt ich lieber den Mund". Das ist der Teufelskreis: Sie versagt, und er wird immer noch wütender, weil er weiß, eigentlich kann sie es doch besser.

sueddeutsche.de: ... und unterstellt ihr dann, sie sei zu bequem.

Wilchfort: Was Adam offenbar nicht versteht, ist, dass er Eva damit genau so inkompetent macht, wie er es eigentlich an ihr hasst. Er denkt: Wenn wir nur alles richtig machen und sie dabei mitspielt, dann werden wir keine Probleme haben.

sueddeutsche.de: Zeit für meine liebste Frage: Kann man da was tun?