Kolumne: Vor Gericht:Der Mann mit dem Koks

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Teil eines großen Kokainfunds in Hamburg. (Foto: Christian Charisius/dpa)

Wie kommt Kokain an die Konsumierenden? Ein Prozess in Berlin leuchtet das Geschäftsmodell der Koks-Taxis aus.

Von Verena Mayer

Berlin ist die Stadt der Koks-Taxis. Dass diese Art des Drogenhandels ein weitverbreitetes Phänomen ist, kann man alle paar Monate vor dem Berliner Landgericht beobachten. Dann sitzen Leute auf der Anklagebank, die Kokain beschafft und dafür gesorgt haben, dass es mit dem Auto zu den Konsumierenden gebracht wird. Vor allem aber landen die vor Gericht, die das letzte Glied in der Lieferkette sind, die Koks-Taxifahrer. Wie Sami T., 28. Er kommt in Jeans und Turnschuhen in den Saal und gibt seine Personalien mit "Student, bei den Eltern lebend" an. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, er habe "in seinem Toyota Corolla mit Betäubungsmitteln gehandelt". Sami T. will nichts dazu sagen, und so ist es an den Zeugen, das Geschäftsmodell der Koks-Taxis auszuleuchten.

Das funktioniert wie jeder Lieferdienst. Die Leute geben über eine Messenger-App eine Bestellung auf, dann wird ein Fahrer losgeschickt. Der muss sich dann durch den Großstadtverkehr kämpfen wie Sami T. im Familienauto. Er sei erst "unsicher" durch die Gegend gefahren und habe "verbotsweise in zweiter Reihe geparkt", erzählt ein Polizist. Der Zeuge unterscheidet sich mit seinem Vollbart, den Tattoos und einem T-Shirt mit der Aufschrift "Berlin" optisch nicht sehr von den Leuten, die zu Sami T. ins Auto stiegen, um Kokain zu kaufen. Deswegen fiel es Sami T. auch nicht auf, dass er von einer Zivilstreife beobachtet wurde, als er zu einem Kunden am Straßenrand heranfuhr und mit ihm ein Gespräch begann, "das so aussah, als ob sie verhandeln würden". Der Polizist holte Verstärkung, zu dritt passte man Sami T. an der nächsten Ecke ab.

Die Art von Lieferdienst ist so stressig wie alle anderen auch

Im Auto fanden die Polizisten 30 Fünfzig-Euro-Scheine, "eine szenetypische Stückelung", und ein Messer zur Verteidigung. Sami T. sei erst sehr entspannt gewesen, erzählt der Polizeizeuge, habe gesagt: "Kollegen, ihr könnt mir gar nichts, ich hab' nichts mehr." Erst, als die Polizisten eine Schlüsselkarte fanden, sei der Angeklagte "niedergeschlagener gewesen". Die Karte führte nämlich zu einer Schließfachanlage am Leipziger Platz, und dort war das Kokain gelagert, das Sami T. liefern sollte. Am Tiefpunkt sei die Stimmung dann bei der Hausdurchsuchung gewesen. Sami T.s Mutter sei "ziemlich säuerlich" im Flur gestanden, während die Polizeibeamten sein Zimmer auseinandernahmen.

Vor Gericht wird nicht nur klar, wie alltäglich Koks-Taxis in Berlin sind. Sondern auch, dass diese ins Kriminelle gewendete Art von Lieferdienst so stressig ist wie alle anderen auch. Noch während Sami T. in seinem Koks-Taxi von der Polizei befragt wurde, piepten seine drei Handys - neue Bestellungen. Dazwischen wütende Nachrichten "von einer Art Disponent", so der Polizist, wo er denn bleibe. Aus anderen Prozessen weiß man, dass die Koks-Taxifahrer von ihren Kunden in den Messenger-Gruppen auch bewertet werden, mit Sätzen wie "Freundlichste Lieferanten in ganz Berlin". Wie viele Sterne Sami T. bekam, ist nicht bekannt. Der Prozess wird fortgesetzt.

An dieser Stelle schreiben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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