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Kneipen in England:Das letzte Geläut

Wirtschaftskrise, Rauchverbot und steigende Bierpreise: In Großbritannien droht den traditionellen Pubs das Aus.

Es scheint so, als sei jede einzelne der Institutionen, auf deren fortdauernde Existenz sich das Selbstverständnis der Engländer als Nation stützt, mehr oder minder bedroht:Das Cricketteam schleppt sich von einer blamablen Niederlage zur nächsten, von der Fußballnationalmannschaft ganz zu schweigen. Die charmante Tradition, alljährlich in der Guy-Fawkes-Nacht am 5. November einen Katholiken symbolisch zu verbrennen, wird konsequent von der Trick-or-treat-Kultur des amerikanischen Halloween verdrängt. Und das Königshaus? Nun ja, noch lebt die Queen, doch was danach kommt...

Auch der britische Thronfolger weiß die Wohnzimmeratmosphäre zu schätzen. Doch das Local Pub ist bedroht: Allein im vergangenen Jahr mussten in Großbritannien mehr als 1400 Lokale schließen.

(Foto: Foto: AP)

Nichts jedoch bringt die Volksseele und vor allem die erregbaren britischen Medien so sehr zum Kochen wie das allmähliche Verschwinden des traditionellen Public House. Das Pub, Zentrum der englischen Gemeinde, öffentliches Wohnzimmer, holzverschalter Schauplatz urgemütlichen Alkoholverzehrs und Spender jener familiären Nestwärme, die häufig nicht einmal die eigenen vier Wände zu bieten vermögen - es stirbt.

Jede Woche 27 Pubs weniger

Nun läutet speziell der Boulevard schon seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit das Totenglöcklein für die Pub-Kultur. Zuletzt malte er das Horrorszenario eines dauertrunkenen Pöbelhaufens, der nach dem Wegfall der alten Ladenschlusszeiten sämtliche Trink-Etablissements für Normalkunden unfrequentierbar machen würde - weitgehend eine Fehleinschätzung, wie sich herausgestellt hat. Doch diesmal scheint die Lage ernst zu sein. Das zumindest suggerieren die Zahlen, welche die " British Beer and Pub Association" (PBA), der Zentralverband der Gastronomen, bekanntgegeben hat. Demnach mussten vergangenes Jahr in Großbritannien 1409 Pubs schließen, im Schnitt 27 pro Woche. Das stellt eine starke Beschleunigung des bisherigen Pubsterbens dar: Im Jahr 2005 hatten landesweit 102 Pubs geschlossen, 2006 waren es 216 Kneipen gewesen, die den Hahn für immer zudrehen mussten. Ein Drittel wird abgerissen, ein weiteres Drittel in Ladengeschäfte oder Restaurants umgebaut, der Rest soll größtenteils als neuer Wohnraum genutzt werden.

Wie die Antwort auf die Frage ausfällt, was der Grund für diese Entwicklung sein könnte, hängt sehr davon ab, wen man fragt. Die PBA zum Beispiel ist überzeugt, dass die Heraufsetzung der britischen Alkoholsteuer im März um vier Pence pro Pint Bier bei einer gleichzeitigen Verschlechterung der wirtschaftlichen Gesamtlage viel dazu beigetragen hat, dass immer weniger Menschen regelmäßig ins Pub gehen. Seit der Steuererhöhung im März sind nach Erhebungen der PBA landesweit 107 Millionen Pints weniger über die Theke gegangen als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Das seien die schlechtesten Verkaufszahlen seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren, so PBA-Verbandschef Rob Hayward. In Supermärkten und Spirituosengeschäften hingegen stiegen die Verkaufszahlen für Alkohol im zweiten Quartal 2008 um 7,4 Prozent an. Vor allem große Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury und Asda bieten Alkohol oft unter dem Einkaufspreis an, um Kunden zu binden. Das verstärke die bereits seit längerem spürbare Tendenz, "zu Hause zu trinken", so Hayward.

"Stalinistisches Regime"

Auch das vor gut einem Jahr in Kraft getretene Rauchverbot, das ausnahmslos für sämtliche öffentlichen Gebäude gilt, wird für das Fernbleiben der ehemaligen Stammklientel verantwortlich gemacht. Seit Juni 2007 sind alle Pubs rauchfrei, und anders als in Deutschland wird dieses Verbot kompromisslos umgesetzt: Wer sich in der Kneipe eine Zigarette anzündet, fliegt raus - auch weil der Betreiber mit hohen Geldbußen rechnen muss. Der stramm konservative Kolumnist Gerald Warner lässt alles Understatement fahren und nennt das Rauchverbot rundheraus "stalinistisch". Wie so vieles auf der "tyrannisch politisch korrekten Agenda des Blair/Brown-Regimes" habe die Verbannung der Raucher aus dem Pub das "traditionelle Zentrum der Geselligkeit, wie Britannien es seit tausend Jahren kennt, zerstört". Warner kommt zu dem Schluss: Wenn die englische Pub-Kultur stirbt, stirbt die Nation.

Diese Schlussfolgerung ist zweifellos übertrieben, zumal ein anderer Ort der Zusammenkunft, das Kaffeehaus, in den großen Städten eine andauernde Blüte erlebt. Doch wie sehr das Local Pub noch immer mit der Identität der Briten verknüpft ist, zeigt sich an den Reaktionen mancher Besucher. In der Lancashire Evening Post macht George Jackson, ein pensionierter Lehrer, seiner Entrüstung Luft: "Als ich 20 war, konnte man ins Pub gehen und Darts, Domino oder Karten spielen. Es gab dort keine Frauen, und man konnte nach Herzenslust fluchen." In einen der neuen Gastro-Pubs, die wie ein Restaurant geführt werden, werde er keinen Fuß setzen.