Klischees und Realität Was die Frauen-Bratwurst mit der Frauenquote zu tun hat

Gender-Essen, Fußball-Werbung oder das generische Maskulinum: Feministinnen regen sich ständig auf. Verschwenden sie damit Energie, die in den Kampf für gerechte Löhne und echte Chancengleichheit besser investiert wäre? Nein. Die alltäglichen Kleinigkeiten haben viel damit zu tun, wie wir Frauen und Männer wahrnehmen - und damit auch mit der Verteilung von Macht und Geld.

Von Barbara Vorsamer

Wie lustig: Edeka hat eine Gender-Bratwurst im Kühlregal. Mageres Fleisch für die Dame, eine fast doppelt so große Portion würzige Würstchen für den Herrn. Aufschrei?

Auch der Werbespot des ZDF für die Frauen-Fußball-EM kann die Finger nicht vom Klischee lassen. Darin kickt eine Frau im sehr sauberen Fußball-Dress einen sehr dreckigen Fußball in die Waschmaschine, stellt das Leder-Programm ein und setzt sich auf die Maschine. Aufschrei?

Und ein weiteres Beispiel aus dem Sport:

Mehr als 15.000 Retweets bekam die feministische Autorin Chloe Angyal für diesen Kommentar zum Wimbledon-Sieger Andy Murray. Der konnte zwar als erster britischer Mann seit 77 Jahren das Turnier gewinnen. "The last Brit" (im Englischen geschlechtsneutral) gewann Wimbledon aber vor 36 Jahren, das war Virginia Wade. Aufschrei?

Haarspalter und Spaßbremsen

Einzeln betrachtet ist nichts davon einen Aufschrei wert. Sogar dem Feminismus wohlgesonnene Personen schmunzeln über Frauenbratwurst und Fußballspot und halten den Disput darüber, wann die Briten zum letzten Mal Wimbledon gewonnen haben, für Haarspalterei. Schließlich wisse doch jeder, was gemeint sei, oder? Und die Frau auf der Waschmaschine, haha, ist doch lustig. Jetzt seid doch nicht solche Spaßbremsen.

Tatsächlich gibt es wichtigere Probleme für Frauen. Frauen verdienen noch immer 22 Prozent weniger als Männer. Der Anteil der weiblichen Vorstandsmitglieder in Dax-Firmen lag 2012 bei mageren 7,4 Prozent und auch wenn Forscher unteres und mittleres Management mit einbezogen, kamen auf eine Frau zwei Männer.

Auf der anderen Seite ist es so, dass 91 Prozent der Frauen zwölf Monate Elternzeit (oder länger) nehmen, die meisten Männer gar keine oder höchstens zwei Monate. Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit wie Kinderbetreuung, Haushalt und Gartenarbeit. Frauen verbringen im Schnitt 4,5 Stunden damit, Männer nicht einmal drei Stunden. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen öfter Teilzeit arbeiten - und damit sind wir wieder beim Einkommensunterschied.

Mindestens genauso wichtig wie die Verteilung von Geld ist die Art des Umgangs zwischen den Geschlechtern. Sexismus ist weit verbreitet, was nicht nur die zigtausend Tweets der ursprünglichen #Aufschrei-Kampagne beweisen, sondern auch die zahlreichen Erlebnisberichte, die noch immer auf Blogs und den Twitterkanälen @Alltagssexismus und @EverdaySexism verbreitet werden.

Für Frauen ist auch heute und auch in weitgehend liberalen Gesellschaften übergriffiges Verhalten Normalität. Das heißt natürlich nicht, dass Frauen in Deutschland permanent Angst vor einer Vergewaltigung haben müssen. Doch anzügliche Sprüche oder zu nahes Heranrücken von Mitreisenden in der U-Bahn sind Alltag

Gleiche Verteilung von Macht und Geld

Das Bekämpfen von Sexismus und das Streben nach gleicher Bezahlung sollte der Fokus sein, anstatt sich gegen Genderbratwürste und sprachliche Feinheiten zu echauffieren, könnte man meinen. Doch die alltäglichen Kleinigkeiten haben viel damit zu tun, wie wir Frauen und Männer wahrnehmen - und damit auch mit der Verteilung von Macht und Geld.

Ein Spot für Frauenfußball, in dem mit Haushaltsklischees gearbeitet wird, ist eines von vielen Mosaikteilchen, das den Eindruck verfestigt, der Haushalt sei Frauensache. Jedes noch so ironische Spiel mit Stereotypen verfestigt diese. Deswegen ist auch Vorsicht geboten bei Formulierungen wie "Andy Murrays Sieg ist der erste britische Triumph in Wimbledon seit 77 Jahren". Denn so stimmt es einfach nicht.

Das häufigste Gegenargument an dieser Stelle ist: "Aber das versteht jeder richtig." Mag sein. Aber dass Frauensport schon in der Phantasie kaum vorkommt, ist eigentlich eher ein Argument dafür, noch sauberer mit der Sprache zu hantieren, anstatt die eine Hälfte der Menschheit unter den Tisch fallen zu lassen.

Darum geht auch in der Diskussion um das generische Femininum, das die Universität Potsdam neuerdings anstatt der bisher üblichen männlichen Form in ihrer Geschäftsordnung verwendet. Bisher sollten sich vom Wort "Professor" alle Professoren und Professorinnen angesprochen fühlen, nun ist es in Potsdam umgekehrt. Die meisten Unternehmen und Organisationen halten es aber weiterhin mit dem generischen Maskulinum.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn die Worte Professor, Geschäftsführer oder Abteilungsleiter tatsächlich für beide Geschlechter funktionieren würden. Aber mal ehrlich, was hatten Sie jetzt im Kopf? Männer oder Frauen? Eben.

Solange in unserem Unterbewussten noch Männer die Chefs sind, ist es wichtig, auf sprachliche Feinheiten ebenso sensibel zu achten wie auf Stereotypen in Texten und Klischees in der Werbung. Und hier genauso auf Gleichberechtigung zu pochen wie bei Bezahlung, Aufstiegschancen und Kinderbetreuung. Denn die Wahrnehmung beeinflusst die Realität. Und umgekehrt.