Klettern Liebeskummer lohnt sich doch

Das zeigt die Geschichte von Tommy Caldwell. Weil seine Frau ihn verlässt, versucht er sich an einem der schwierigsten Kletterprojekte der Welt, der Dawn Wall. Und dreht einen Film darüber.

Von Dominik Prantl

Irgendwann muss man Tommy Caldwell also diese eine Frage stellen: Wie es sich anfühlt, wenn man in einer Felswand die Notdurft in einen Plastikbeutel verrichtet - vor einem Millionenpublikum. Caldwell grinst, und er sagt: "Ja, da ist diese Szene in dem Film. Die Leute lachen, aber für mich ist das völlig okay." Es ist auch so etwas wie sein Lebensmotto: über dem zu stehen, was die Leute denken.

Tommy Caldwell blickt manchmal immer noch drein wie einer, der nicht ganz versteht, warum die Leute jetzt auf einmal denken, sie müssten mit ihm reden. Er wirkt ja so verdammt normal, als hätte man ihn gerade aus dem Wald im Yosemite Valley gezogen, mit seinem Holzfällerhemd über der breiten Klettererbrust, dem schüchternen Grinsen. New York, Los Angeles, Yosemite, Polen, das waren seine letzten Stationen, jetzt dieses schmucklose Hotel in München, um für seinen Film "Durch die Wand" zu trommeln. Vordergründig handelt der Film davon, wie zwei Männer als erste die fast tausend Meter hohe "Dawn Wall" des El Capitan im Yosemite-Nationalpark bezwingen wollen und dort immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Letztlich benötigen sie 19 Tage, in denen die Aktion zu einem Spektakel ausufert. Dazu gibt es schöne Bilder vom El Capitan, dem weltberühmten Granitkoloss, und ganz beiläufig noch einen Grundkurs in Sachen Klettersport. Im Grunde geht es aber darum, wie sich einer nach oben arbeitet, obwohl er ständig runterfällt. Denn Caldwell, Jahrgang 1978, gilt nicht als Wunderkind. "Geistig zurückgeblieben", nennt ein Lehrer den kleinen Tommy einmal. Caldwell selbst meint, er habe sich vor allem mit der Hilfe seines liebevollen Vaters durchgebissen, der ihn schon als Kind mit an die steilsten Felsen nimmt. Und Klettern ist so ziemlich das Einzige, in dem er besser ist als die anderen. Es bestimmt sein Leben. Und wenn Klettern das Leben bestimmt, hat man wenig Nerven für andere Dinge, zum Beispiel Geld verdienen. Eine Zeitlang reichen Caldwell 50 Dollar im Monat. Er wohnt in einem billigen Auto und fischt abgelaufene Nahrungsmittel aus Müllcontainern vor Supermärkten; "Dumpster Diving" nennen das die Amerikaner. "Einen großen Spaß für uns Kletterer", nennt es Caldwell.

Doch auf den Spaß folgt der Horror. Während eines Klettertrips nach Kirgisistan im Jahr 2000 wird Caldwells kleine Gruppe von Rebellen entführt. Er beendet die Geiselnahme selbst, indem er den Entführer von einer Klippe stößt. Erstmals wird der 22-Jährige durch die Talkshows gereicht, aber es ist kein glücklicher Mensch, den man da sieht. "Es hat mich gelehrt, was wirklich Schmerz ist", sagt Caldwell heute. Zur Ablenkung fährt Caldwell zum Klettern an den El Capitan, kurz: El Cap. Fast jeden Tag; bis es langsam wieder aufwärts geht, vor allem als er erfährt, dass der Entführer den Sturz überlebt hat. Dann sägt er sich mit einer Tischsäge versehentlich den linken Zeigefinger ab. "Lass es bleiben", sagt der Arzt, und meint das Klettern. "Scheiß auf den", sagt Caldwell und klettert weiter, wie ein Besessener. Er weiß jetzt noch besser, was wirklich Schmerz ist. In den folgenden Jahren avanciert er unter all den El-Cap-Kennern endgültig zum größten Spezialisten. Bereits vor seinem größten, filmwürdigen Erfolg durchsteigt er dort fünf Routen mit wechselnden Bergpartnern als Erster frei. So nennt das die Szene, wenn Material wie Seile und Haken nur zum Absichern und nicht als Aufstiegshilfe genutzt werden dürfen. Jede einzelne dieser Routen reicht für einen Eintrag in die Geschichtsbücher seines Sports. Oft ist er dabei mit seiner Jugendliebe und Frau Beth Rodden unterwegs - bis die ihn 2008 schließlich verlässt. Caldwell sagt: "Wenn du etwas Großes im Leben verlierst, musst du etwas finden, um es zu ersetzen."

Das Loch, das der Liebeskummer frisst, stopft Caldwell mit dem denkbar größten Kletterprojekt überhaupt: der Dawn Wall, jenem Abschnitt am El Cap, wo die Sonne zuerst aufgeht. Ein ganzes Jahr pendelt er mit dem Seil durch die Wand der Morgendämmerung, um einen Weg aus Rissen, Griffen und Vorsprüngen zu suchen. Als der Verlauf steht, wird klar, dass die Route mehr schwierige Seillängen aufweist als alle anderen Routen des Felskolosses zusammen. Caldwell baut sogar eine Schlüsselpassage hinterm Haus nach, um diese zu trainieren. "Absolut irre", finden die einen seinen Plan, "total lächerlich" die anderen. Scheiß auf die, sagt sich Caldwell.

Als er schließlich nach einem Partner für das Projekt sucht, findet er genau einen Anwärter: Kevin Jorgeson, ein auf kurze, schwere Kletterzüge spezialisierter Boulderer, der gerade nichts Besseres zu tun hat. Am 27. Dezember 2014 starten die beiden ihren größten Coup. Es ist ein im Wortsinn atemberaubendes Schleichen durch die Vertikale; 32 Seillängen entlang kleinster Knubbel und nicht zu erkennender Tritte. Wer fällt, muss die ganze Seillänge wiederholen; so sind die Regeln. Der Speiseplan besteht aus Energieriegeln und Trockenobst, geschlafen wird in Wandzelten. In den langen Pausen twittert Jorgeson, irgendwann berichtet der Pulitzer-Preisträger John Branch für die New York Times, und alle anderen Medien springen auf. Nach 19 Tagen, die für Caldwell eigentlich sieben Jahre dauerten, stehen 15 Übertragungswagen am Fuße des Felsens. Sogar Barack Obama gratuliert. Für einen Sport, der immer noch ein Nischendasein fristet, ist Caldwell ziemlich weit oben angekommen. Sein Buch "Push'' wurde zum Bestseller, 320 000 Abonnenten folgen ihm auf Instagram. Bekannte deutsche Kletterer wie Ines Papert oder Stefan Glowacz stehen bei rund 10 000 - und selbst die leben gut von ihrem Job als Profi-Kletterer. Er müsse jedenfalls nicht mehr gestresst sein, wenn es darum geht, die Familie zu ernähren. Dafür hätten seine Kinder und Frau Rebecca jenes Loch gefüllt, das die Dawn Wall kurzzeitig hinterlassen hatte. Und auch wenn er erst im Juni mit seinem besten Freund Alex Honnold einen Geschwindigkeitsrekord an der berühmten Nose aufstellte und die beiden unter zwei Stunden blieben, weiß er im Alter von 40 Jahren nur zu gut: "Ich werde die Dawn Wall nicht mehr übertreffen." Es klingt, als hätte er seinen Frieden gefunden.