Klettern in der Halle:Nordwand im Neonlicht

Klettern von A bis Z: In den Wintermonaten zieht es Massen von Kletterern in die Halle - höchste Zeit für ein klärendes Glossar.

Dominik Prantl und Tanja Rest

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Klettern in der Halle:A

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Arco (ital.); pittoreskes Dorf an der Nordspitze des Gardasees. Hat vom -> Megaboom so sehr profitiert, dass auf einen Einwohner ein Klettergeschäft kommt. Beliebter Schauplatz für erste Versuche von Plastikkletterern an Echtfels. Leichte A.-Routen erkennt man an der marmorartigen Konsistenz der Griffe.

Auschecken (engl.-dt.), das; längliches Rumprobieren in den Schlüsselstellen einer Route, unterbrochen von ausgiebigem Hängen im Seil, auch Kampfhängen genannt. Führt in der Halle bei denen, die unten Schlange stehen, zu Verspannung.

Foto: dpa; Im Bild: steile Wand in Arco

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Klettern in der Halle:B

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Boulderraum (engl.-dt.), der; oftmals mit -> Campusboard ausgestatteteter, höhlenartiger Bereich in der Kletterhalle für 1.) Kletterübungen in Absprunghöhe, 2.) Menschen mit Höhenangst 3.) Maximalkraftfanatiker 4.)Jonas Baumann 5.) Einzelgänger 6.) faule Säcke.

C

Campusboard (lat.-engl.-amerik), das; mit Leisten vernageltes Holzbrett. Für Geübte das Vermächtnis des 1992 verstorbenen Wolfgang Güllich zur Steigerung der Fingerkraft auf dem Weg zum 11. Schwierigkeitsgrad. Sichere Methode zum Ramponieren der Beugesehnen.

Foto: Stefan Rumpf

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Klettern in der Halle:D

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

DAV, der; Akronym für Deutscher Alpenverein. Traditionsreicher Verband mit Mitgliederzuwächsen, die vor allem auf das Hallenklettern zurückzuführen sind. Wird sich Gerüchten zufolge demnächst in DHV (Deutscher Hallenverein) umbenennen.

DIN EN 12572, die; Norm zur Erstellung von künstlichen Kletteranlagen, die unter anderem die Belastbarkeit von ->Zwischensicherungen festlegt.

Foto: Franz-Xaver Fuchs

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Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

E

Eintrittspreis, der; liegt für Erwachsene bei bis zu 15 Euro. Kann sich durch Leihen von Ausrüstung und Konsum mehrerer Absackerbierchen in der Cafeteria auf ein Vielfaches multiplizieren.

F

Farbe, die; visueller, in der Halle entscheidender Sinneseindruck, da Routen meist durch bestimmte F. gekennzeichnet sind, an die es sich zu halten gilt. Besonders ärgerlich bei Farbenblindheit.

Foto: Rumpf

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Klettern in der Halle:G

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Geruch, der; speist sich aus Generationen schweißiger Füße, schweißiger Kletterschuhe, schweißiger Klamotten und Angstschweiß. Verschwände auch dann nicht ganz, wenn mal länger gelüftet würde. Was niemals der Fall ist.

Foto: Manfred Neubauer

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Klettern in der Halle:H

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Hardmover (engl.), der; Kletterjargon für Oberchecker, meist männlich. Zielgruppe für -> Campusboards. Nennt alles bis zum 8. Grad "Leiter".

Hausmeister, der; stets vorhandener Stammgast unterm Hallendach, der alle Routen auswendig kennt. Meist von melancholisch-manischem Naturell. Gibt in großzügigen Momenten Tipps wie: "Wenn du an der Kante rechts hookst und dann einen Dynamo hoch zum Aufleger machst, ist die 10 minus praktisch geschenkt." Klettert im Echtfels an guten Tagen einen Achter.

Housewives (engl.), desperate; Damenkränzchen mit festem Hallen-Vormittagstermin einmal die Woche. Extrem kommunikativ. Desperate H. tragen gerne überflüssige Ausrüstung am Gurt und nehmen nach der Aufwärmroute erst mal einen Milchkaffee in der Cafeteria zu sich. Verschwenden niemals Zeit mit -->Auschecken, sondern benutzen im Zweifelsfall Griffe aus einer anderen Tour. Nennen diese euphemistisch "Ausweichgriffe". Klettern an guten Tagen einen Fünfer.

Huberbuam (bayr.), die; Alex und Thomas. Dem Bubenalter entwachsene Seilpartner mit familiärer Bande, Gegenstück zu desperate Housewives, langhaarige Wahrer des oberbayerischen Idioms. Hängen zumeist nur in Form hübscher Fotografien in Kletterhallen herum. Besitzen die Eigenart, sich vertikal schneller zu bewegen als horizontal. Stoßen in Hallen daher schnell an ihre Grenzen.

Foto: ddp

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Klettern in der Halle:I

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Inhalieren, das; tiefes Einatmen, in der Halle mit potenziell letalen Folgen, da der Sättigungsgrad der Luft mit Magnesiapulver bei etwa 90 Prozent liegt.

Ikea (schwed.), der; Weltmarktführer für spezielle Kletterhallen-Seilsäcke (blau breit, billig). Verkauft außerdem auch Möbel in Kletterhallen ähnelnden Gebäuden.

J

Jammern (typisch dt.), das; durch unbefriedigendes Klettern ausgelöste Frustbewältigung. Tendenz zum Jammern wird gemeinhin verstärkt durch das Fehlen des ->Y-Chromosoms.

Foto: oh

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Klettern in der Halle:K

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Kurs, der; Gruppe von Menschen, die unter Anleitung am -> Megaboom teilhaben wollen, 6b aber vorerst noch für eine Schulklasse halten. Hohe Lärmintensität. Natürlicher Feind der -> Housewives.

Kinder, die; bemitleidenswerte Kreaturen, die mit ihren Eltern jedes Wochenende in die Halle müssen und sich dafür rächen, indem sie Limonade verschütten, Lärm machen und nach einem Jahr besser klettern, als Papa das je konnte.

L

Legging (engl.), die; strumpfhosenähnliches Kleidungsstück der Achtziger, das es irgendwie in die Kletterhalle geschafft hat. Oft neonfarben-bunt, gilt manchen als Ursache für Farbenblindheit.

Foto: Marco Einfeldt

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Klettern in der Halle:M

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Magnesia (gr.-lat.), das; Schweiß absorbierendes Magnesiumoxid in Form von weißem Pulver. Dient der Übersprunghandlung (= Einreiben der Hände mit M.) vor der Schlüsselstelle.

Megaboom (engl.), der; Lieblingswort der Sportartikelhersteller und Trendforscher. Derzeit stets in Verbindung mit Sportklettern verwendetete Beschönigung für überfüllte Hallen, stinkende Umkleiden und hohe Eintrittspreise.

Foto: Rumpf

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Klettern in der Halle:N

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Nähmaschine, die; 1.) technisches Gerät zur Herstellung einer Naht. 2.) Unkontrolliertes Muskelzittern in den Beinen des Kletternden, häufig knapp unterhalb der Hallendecke.

O

Oberkörper, nackter; oftmals peinlicher Ausdruck eines mysteriösen, klettertypischen Exhibitionismus. Der Beweis, dass Klettern 1.) gut für die Figur sein kann, 2.) keineswegs jeden Bierbauch tilgt.

Oldies (engl.), die; 1.) alte Schlager; 2.) in den fünfziger und sechziger Jahren sozialisierte Klettergeneration. Treten in der Halle meist vormittags, mit Jack-Wolfskin-Shirt und -> Leggings in Erscheinung. Klettern drinnen einen Siebener. Klettern draußen ebenfalls einen Siebener, wenn's sein muss auch ohne Seil.

Foto: Rumpf

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Klettern in der Halle:P

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Partnercheck (dt.-engl.), der; selbst in Hallen mit Flirtfaktor keinesfalls anrüchig. Synonym für das gegenseitige Überprüfen der Sicherheitsmaßnahmen beim Seilpartner.

Plastik, das; Sammelbegriff für lange und komplizierte Molekülketten, die in entsprechender Form, Farbgebung und Anordnung an einer Wand zu langen und komplizierten Problemen und einem ->Megaboom führen können.

Foto: Neubauer

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Klettern in der Halle:Q

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Quergang, der; horizontaler Kletterroutenabschnitt. Bei Boulderern sehr beliebt. In der Halle praktisch undurchführbar, da unzählige besetzte Routen durchkreuzt werden müssten.

R

Rasta, der; Kurzform von Rastafari. In den achtziger Jahren beliebte Rebellenfrisur von Kletterextremisten wie Ben Moon. Gilt heute als extrem panne.

Foto: Jörgensen

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Klettern in der Halle:S

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Schlüsselstelle, die; häufig wüst beschimpfter Teil der Wand, an dem der nächste Griff besonders weit entfernt wirkt. Schaut von unten meist gar nicht so schwer aus.

Schrauber, der; flapsig für Routen-Einrichter. Befestigt von Hebekran aus bunte Griffe an der -> Wand. Hat vom Hallenchef den Auftrag, möglichst viele ->Vierer einzurichten, damit die -> Housewives glücklich sind. Schraubt dann doch lieber den Zehner, den er selbst immer mal klettern wollte.

Spotten (engl.), das; Aufpassen auf Kletterpartner bis zur ersten Zwischensicherung (in der Halle auf etwa zwei Metern Höhe). Besonders beliebt bei Männern, wenn die Frau ihrer Träume klettert.

Foto: Heddergott

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Klettern in der Halle:T

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Toprope (engl.), das; Klettern mit Seilsicherung von oben. Gilt als unlässig, hat aber den Vorteil, dass man nicht fällt. Besonders beliebt bei den -> Housewives.

U

Unfallrisiko, das; wird anfangs gerne über-, später unterschätzt. Stark von der in Kletterhallen oft hohen Dichte an Aktiven abhängig. Lässt sich wegen mangelhafter Konzentration und Ausbildung der Kletternden nie ausschließen.

Umgangston, der; schwankt in der Halle nach Feierabend zwischen aggressiv und gewaltbereit.

Umkleide, die; wegen der geringen Größe kaum zu findender Raum in Kletterhallen. Die Aufenthaltsdauer in der U. ist wegen des hier konzentrierten -> Geruchs auf ein Minimum zu reduzieren.

Foto: Rumpf

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Klettern in der Halle:V

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Vierer, der; flapsig für 4. Schwierigskeitsgrad, klassische Einsteigerroute. Typischerweise leiterartige Anordnung von henkelartigen Griffen, verläuft vor allem im Schlussdrittel wegen der ->Schlüsselstelle selten flott.

VW-Bus, der; Abk. für seit 1950 serienmäßig hergestellten Transporter der Firma Volkswagen. Steht in zahlreichen Versionen vor Kletterhallen. Wird allerdings wegen des demografischen Wandels unter der Hallenkletterkundschaft zunehmend durch SUV, Landrover und ähnliche Großraumwagen ersetzt.

W

Wand, die; senkrechtes Spielfeld für Kletterer, in jeder Halle mehrfach vorhanden. Besteht zumeist aus Paneelen oder Spritzbeton. Ist beim Klettern stets hochzusteigen, steht wegen der hier wirkenden Schwerkraft in Zusammenhang mit dem -> Wutausbruch.

Wutausbruch, der; durch unbefriedigendes Klettern ausgelöstes lautstarkes Schimpfen des Kletterers mit sich selbst. Wird gemeinhin verstärkt durch das ->Y-Chromosom.

Foto: dpa

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Klettern in der Halle:Y

Klettern in einer Kletterhalle

Quelle: SZ

Y-Chromosom (griech., med.-biol.), das; Abk. für menschlichen Datenträger, den nur Männer besitzen. Nicht nur Ursache des kleinen Unterschieds, sondern an der Wand maßgeblich für Kletterstil und Form der Frustbewältigung.

Yo-yo-ing (amerik.), das; in den USA gebräuchliches Synonym für Rotkreis, was wie die Begriffe "Flash", "On Sight" und "Rotpunkt" in einem Hallenkletterlexikon eindeutig zu weit führen würde.

Z

Zwischensicherungen, die; alle Sicherungspunkte in einer Seillänge. Liegen in der Halle selten mehr als einen Meter auseinander, weshalb Anfänger in -> Arco ihr blaues Wunder erleben.

Foto: Rumpf

(SZ vom 5. November 2009/pfau)

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