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Kletterer Stefan Glowacz:Des Kaisers neue Wege

Stefan Glowacz, einer der weltbesten Kletterer, ist jahrelang free solo - ohne Seil - geklettert. Jetzt bricht er zu einer Expedition auf. Ein Gespräch über neue Wege und den Tod.

Der Garmischer Stefan Glowacz, seit mehr als 20 Jahren einer der besten Kletterer der Welt, ist mit Expeditionsbergsteiger Holger Heuber und Fotograf Klaus Fengler zu einem neuen Abenteuer aufgebrochen - zu dem bislang unbestiegenen, 1200 Meter hohen Granitfelsen Piedra Riscada im Bundesstaat Minas Gerais im Südosten Brasiliens. Ein Gespräch über das Klettern ohne Sicherung, neue Wege und den Tod.

(Foto: Foto: Klaus Fengler)

SZ: Herr Glowacz, Sie führen ein Leben voll extremer Situationen. Was bedeutet Gefahr für Sie?

Stefan Glowacz: Gefahr ist relativ. Was für andere total wild aussieht, ist für einen selber oft eine Sache der Erfahrung. Situationen, die ich selbst nicht einschätzen kann - das ist für mich Gefahr oder Risiko. Da habe ich auch Angst. Als ich zuletzt in Baffin Island in der Arktis war, musste ich Kiten lernen, um das Gepäck ziehen zu können. Das wollte ich danach unbedingt auch auf dem Wasser probieren und habe es auf dem Meer versucht - mit ablandigem Wind. Ich bekam Panik, weil ich nicht wusste, was ich tun muss. Das sind die schlimmsten Situationen.

SZ: Ein reines Kopfproblem also?

Glowacz: Bergsteigen geht erst mal über den Kopf. Du bist wie ein Schachspieler, überlegst dir eine Taktik, die nächsten zwei, drei Züge, bist Kopf und Figur in einer Person. Es gilt also Situationen zu vermeiden, in denen du nur noch reagieren kannst.

SZ: Hat es Sie schon mal richtig schlimm erwischt?

Glowacz: Ja! Ich bin ja lange Zeit free solo geklettert, ohne Seil. Wilde Sachen. Fand ich immer geil: zwischen den Füßen durchschauen, 300 Meter geht's runter und du hängst an einem kleinen Griff - ich bin unsterblich, besser als alle anderen, habe alles im Griff. Und dann bricht im Klettergarten in Kochel ein Stück Fels ab und ich krache aus acht Meter runter: Ferse zertrümmert, Knie geschrottet, Handgelenk gebrochen. Das hätte böse enden können. Ich war noch nicht mal am Boden, da hab ich gedacht: Du bist doch ein überheblicher Trottel. Meinst, dass dir nix passieren kann. Wenn du das nicht als Warnsignal nimmst, dann bist du blöd.

SZ: Was hat das für Sie verändert?

Glowacz: Ich bin seitdem nie mehr ohne Seil geklettert. Klar sind das Grenzbereiche, die man im normalen Leben nie produzieren kann. Du bist in Todesgefahr, alle Konzentration gilt dem nächsten Griff, und wenn man oben ankommt, ist es, als würde man aus einem anderen Zustand aufwachen. Du denkst: Was war jetzt eigentlich? Für diese Momente sind wir Kletterer sehr anfällig. Und ich war total überzeugt, dass das Risiko kalkulierbar ist.

SZ: Was sagen Ihre Frau und die Drillinge dazu?

Glowacz: Ich habe nicht immer alles erzählt. Aber es kann einen immer erwischen. In St. Moritz haben wir uns mal mit einem Bergführer verschätzt und ein Schneebrett ausgelöst: Lippe eingerissen, Zähne ausgeschlagen, Bänder gerissen, eine Wunde am Kopf durch den Helm durch - das hätte locker gereicht. Aber ich war wohl noch nicht dran.

SZ: Beschäftigt Sie der Tod?

Glowacz: Die Kunst des Bergsteigens ist auch, umzukehren. Ich will da hoch, aber nicht um jeden Preis, nicht fahrlässig. Was die anderen machen, muss ich nicht unbedingt auch machen. Beschäftigung mit dem Tod - sehe ich eher pragmatisch. Wenn's so weit ist, ist es so weit. Ziel des Lebens ist, dass du vor deiner Kiste stehst und sagst: Hey, das war ein gutes Leben, fast alles richtig gemacht, genau so würde ich's wieder machen.

SZ: Warum nun Minas Gerais?

Glowacz: Wir sind immer auf der Suche nach diesen weißen Flecken, die rarer werden. Ein Bekannter von mir ist Edelsteinhändler, und diese Region ist für ihre Smaragde und Opale bekannt. Der kennt sich mit Klettern überhaupt nicht aus, hat aber von riesigen Felswänden erzählt. Jetzt versuchen wir es. In Europa kennt das Gebiet kein Mensch.

SZ: Dieses Projekt ist Teil Ihres neuen Wegs nach Ihrer Wettkampfkarriere...

Glowacz: Ja, in einem anderen Sport wäre ich in meinem Alter weg. Aber Klettern hat so viele Facetten, dass du dich auf neue Gebiete begeben kannst. Ich habe meine eigenen Projekte gesucht, Expeditionen gemacht, immer "by fair means", aus eigener Kraft, möglichst ohne künstliche Fortbewegungsmittel.

SZ: Sie halten auch Motivationsseminare vor Managern, haben vor den Nationalteams der Fußballer, Turner und Hockeyspieler gesprochen ...

Glowacz: Oliver Bierhoff lud mich vor der Fußball-WM 2006 ins Trainingslager der Nationalmannschaft ein. Das Thema: Wie bereitet man eine Expedition vor? Das hat allen gut gefallen, mir auch. Am meisten interessierte sich Oliver Kahn; am nächsten Tag waren wir nochmal essen. Der ist blitzgescheit, hat den weitesten Horizont. Seitdem werde ich oft zu Vorträgen eingeladen.

SZ: Großes Aufsehen verursachte 1990 auch ihr Schauspieldebüt in Werner Herzogs Film "Schrei aus Stein".

Glowacz: Das ging auf eine Idee von Reinhold Messner zurück, mit dem ich mich damals gut verstanden habe. Werner Herzog hat mich sehr beeindruckt. Einmal sollte ich von einem Gipfel-Eispilz runterspringen; der Hubschrauber setzte mich mit Herzog und dem Kameramann oben ab - und plötzlich schlug das Wetter um. Auf der einen Seite eine tausend Meter tiefe Wand, auf der anderen eine spaltige Gletscherlandschaft: No way out! Drei Tage lang. Wir haben eine Eishöhle gegraben, hatten nur eine Tafel Schokolade. Das war hart. Aber Herzog war cool: "Wenn sie uns nicht holen können, müssen wir einen Ausbruchversuch starten. Wir verkaufen uns so teuer wie möglich!" Das ist einer, der gern den Heldentod sterben würde. Ich bin dann noch mit dem Lautsprecherwagen durch Argentinien getingelt, um Werbung zu machen. Das war grandios. Das ist der wahre Reichtum. Diese Erfahrung kann dir keiner mehr nehmen. Für diese Momente leben wir.

© SZ vom 29.06.2009/bilu

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