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Dem Geheimnis auf der Spur:Charisma und Können

Maria Furtwängler - Familie

Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern 1952

(Foto: picture alliance / dpa)

Kommunikationstechnik, Kunst oder Blendwerk: Was brauchen große Dirigenten und andere Alphatiere, um das Publikum in Bann zu schlagen? Eine Typologie.

Von Wolfgang Schreiber

Die Wucht einer zwingenden "Ausstrahlung", die Menschen verzaubern kann, ist rational schwer erklärbar, in ihrer Wirkung aber leicht erfahrbar. Musiker der Berliner Philharmoniker erzählen noch immer die Geschichte, wie ihnen die Magie eines Dirigenten eines Tages so nahe kam, dass es an Hexerei grenzte. Im Moment einer Orchesterprobe: Die Musiker erarbeiten ein Konzertprogramm, halb wach, routiniert mit einem nur redlich zu nennenden Dirigenten am Pult.

Als plötzlich ein Ruck durchs Orchester geht und den Klang schlagartig verändert, belebt, verdichtet. Was war geschehen? Eine einzige, an der Probe nicht beteiligte Person hatte den Wandel bewirkt: Stumm durch eine hintere Tür war der Dirigent Wilhelm Furtwängler in den Saal getreten. Seine Präsenz allein, seine Autorität schuf die Veränderung, entfaltete unwillkürlich ihre Zauberkunst, ihre Macht - ihr Charisma.

Nicht von ungefähr wurde der Dirigent früher als "Klangmagier" oder "Pultgott" annonciert. Federico Fellini hat ihm, der in Italien schlicht nur Maestro heißt, mit seiner grimmigen Filmsatire "Orchesterprobe" ein Denkmal gesetzt, indem er allerdings das Rätsel Charisma mit Sarkasmus übergoss: "Der ideale Dirigent sollte hochgewachsen sein, schön, bleich und gebieterisch, ein großer Schauspieler, geheimnisvoll, magnetisch, das Antlitz geprägt von edlem Leid." Die Karikatur einer Verkörperung von Charisma, der suggestiven Entfaltung von Kraft durch Herrschaft.

Berühmt ist die Sinngebung des Schriftstellers Elias Canetti, der 1960 in seinem Hauptwerk "Masse und Macht" behaupten konnte, "keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht" finden zu können als im Tun des Dirigenten. Da der Dirigent "auf alle zusammen achtet", sei er für die Zuhörer im Saal "ein Führer", der das "Ansehen der Allgegenwärtigkeit" besitzt. Canetti hatte die Taktstock-Autokraten seiner Epoche vor Augen, Wilhelm Furtwängler und Arturo Toscanini, Leopold Stokowski und Fritz Reiner, Herbert von Karajan und Otto Klemperer. Das Zauberwort Charisma vermied Canetti.

Braucht Machtausübung für ihren Effekt eine "suggestive" Ausdrucksintensität? Oder bloß die Gabe virtuoser Selbstinszenierung in mitreißender Gestikulation? Körpersprachmächtige Dirigenten wie einst Carlos Kleiber und heute der Grieche Teodor Currentzis scheinen die Fähigkeit auf die Spitze zu treiben, Symphonien in Bewegungshochdruck zu verwandeln, in eine betörende Aura, um den Verdacht anzufeuern, dass die "Macht der Musik" identisch sei mit dem mysteriösen Übertragungsphänomen "Charisma". Als "Dämon unter Routinierten" hat einst der junge Theodor W. Adorno den Dirigenten Jascha Horenstein begrüßt, er nannte ihn "einen, dem die Musik zum Explosivstoff wird".

Charismatische Alphatiere waren schon immer die Seher und Propheten, in der Bibel mit dem Gottbeauftragten Moses an der Spitze, dem Michelangelo die dämonische Wirkmacht in Marmor gehauen hat. Und das "Ostergeheimnis", die Auferstehung Jesu - ein Charismawunder? Der religiöse Aspekt des Phänomens ist beglaubigt: Buddha oder der Ajatollah als "Zeichen Gottes" sind Portalfiguren metaphysischer Strahlkraft. Gleißend, im "schwarz" schillernden Charisma-Aspekt der Verführungsmagie erscheinen Nero, Napoleon, Hitler, sogar noch Trump. Die Theater- und Operngeschichte hat auch einige dieser Figuren zu bieten, von Richard III. über Macbeth und Jago bis Boris Godunow.

Wie Charisma entsteht, griechisch "Gnadengabe", auch Eingebung, Erleuchtung, Inspiration, wie die Suggestivität einer personalen Übertragungsmacht funktioniert, mit welchen Geistesgaben Künstler, also Dirigenten, Geiger und Pianisten, Schauspieler und Regisseure, Maler und Architekten, die Menschen faszinieren oder überwältigen, mit eingeschlossen "begnadete" Politiker oder Manager - das beschäftigte auch den großen Soziologen Max Weber. "Über die Geltung des Charisma", so Weber in "Wirtschaft und Gesellschaft", "entscheidet die durch Bewährung - ursprünglich stets: durch Wunder - gesicherte freie, aus Hingabe in Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten." Weber ergänzt noch: "Diese Anerkennung ist psychologisch eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene ganz persönliche Hingabe."

Ist "Ausstrahlung" also psychotechnisch herstellbar, erzeugt durch die von Charismatikern faszinierten (oder manipulierten) Personen? Dann wäre sie in Coachingkursen für Führungskräfte zu trainieren, verfügbar für die Egomanen und Narzissten, die es für ihren Aufmerksamkeitsdrang und Ruhm nutzen müssen. Oder werden zu Charismatikern jene in Parlamenten und Talkrunden rhetorisch gestählten Hochleistungsdebattenkünstler, die die Leute für ihre Politik und ihre Person einnehmen?

Rätselhaft erscheint das Charisma von Anti-Charismatikern, so des dirigierenden Komponisten Richard Strauss. Filmbilder zeigen, wie der alte Maestro, Gegenentwurf zu Furtwängler, mit gleichgültiger Miene nur den Takt schlägt. Aber die hellwachen Augen blitzen. Sein Kommentar, eine bürokratische Anweisung: "Mit der Taktstockspitze ist innerhalb der Taktfiguren unter Berücksichtigung der Schwingungsweiten (Tonstärkegrade) die Zeit in Raum umzusetzen." Charisma, ein Metier? Straussens "Geheimnis" musikalischen Führens klingt verführerisch: "Der Dirigent hat sein Augenmerk ungeteilt auf das Kunstwerk zu richten und die Ausführenden durch das Mittel der geistigen Spannung zum Kunstwerk heranzuziehen." Was aber ist der Zauber geistiger Spannung? Das bleibt ein Geheimnis.

© SZ vom 03.04.2021
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