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Kino:Der Oscar-Garant

Winston Churchill, Freddie Mercury und jetzt die beiden Päpste Benedikt und Franziskus: Der Drehbuchautor Anthony McCarten recherchiert all seine Geschichten akribisch - und macht aus großen Biografien großes Kino.

Anthony McCarten, 2014

Anthony McCarten recherchiert für jeden neuen Film akribisch.

(Foto: SZ Photo)

Alle anderen glänzen zu lassen, aber selbst in Deckung zu bleiben, das ist der Job des Drehbuchautors. Bei Filmpremieren schlüpft man durchs Fotografenspalier, vorbei an Berichterstattern, die gelangweilt die Kamera senken - wer braucht schon Bilder von Leuten, die keiner kennt. Es ist ein enorm wichtiger Beruf im Filmgeschäft, aber nichts für Leute, die an der Vergrößerung ihres Egos arbeiten.

Auch Anthony McCarten weiß, wie es ist, von anderen überstrahlt zu werden. Doch an diesem Abend im Münchner Filmtheater am Sendlinger Tor hat der 58-jährige Neuseeländer den roten Teppich ganz für sich. Premiere feiert der Film "Die zwei Päpste", der aus der Begegnung zwischen Papst Benedikt XVI. (Anthony Hopkins) und dem argentinischen Kardinal Jorge Bergoglio (Jonathan Pryce) ein höchst unterhaltsames Kammerspiel macht. Es ist kein Regisseur da an diesem Abend, kein Schauspieler, nur der Autor und seine Fans: Anthony McCarten, der die Spielregeln der Branche gerade außer Kraft setzt.

Nach der Vorführung in München erzählt er, typisch Drehbuchautor, dem Publikum eine Anekdote. Wie er bei einigen Hollywood-Studios anklopfte, aber vertröstet wurde - ein Film über zwei ältere Männer, die zum Papstsein verdammt sind, ist ja aus Sicht der Produzenten nicht ganz so lukrativ wie ein Film über zwei Superhelden, die tatsächlich die Welt retten. Schließlich hatte McCarten einen Termin bei Netflix, dem neuen Giganten der Filmindustrie. "Da saßen drei junge Frauen am Tisch. Sie schienen nicht sehr interessiert zu sein an Fragen wie der Abdankung eines Papstes oder dem Konklave in der Sixtinischen Kapelle, aber sie nickten: Hey, Sie kriegen das Geld. Und ich dachte: Wissen eure Eltern eigentlich, was ihr hier tut?"

Im Film über Stephen Hawking erzählte er lieber von der Liebe als von Schwarzen Löchern

Am Morgen nach der Filmvorführung trifft man McCarten zum Frühstück in seiner Altbauwohnung in München-Haidhausen, die er kürzlich gekauft hat. Seine Lebensgefährtin, die Psychotherapeutin Eva Maiwald, ist auch dabei. Es gab eine Zeit, da wäre ein Immobilienkauf in diesem teuren Viertel ein Traum gewesen, aber auch vollkommen illusorisch. Es waren die "mageren Jahre", wie McCarten es nennt. Er hatte ein paar recht erfolgreiche Theaterstücke wie "Ladies Night" geschrieben und Romane wie "Englischer Harem" oder "Superhero" (wie alle seine Bücher im Diogenes Verlag erschienen). Es reichte, um sich gerade so über Wasser zu halten. "Meist tourte ich dann einmal im Jahr mit einem neuen Buch durch deutsche Kleinstädte, das war meine Haupteinnahmequelle."

Bei einer dieser Lesungen in einer winzigen Buchhandlung in München lernte er Eva kennen. Sie war mitgekommen, weil eine Freundin insistiert hatte - und fand diesen früh ergrauten Neuseeländer, der so lustige Dinge über Frauen und Männer erzählte, doch ganz interessant. Heute lebt das Paar meist in London.

Die "mageren Jahre" waren 2014 abrupt zu Ende, als "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ins Kino kam, ein Film über den britischen Astrophysiker Stephen Hawking, der an einer unheilbaren Krankheit des Nervensystems litt. Der Drehbuchautor McCarten reduzierte die Forscherkarriere auf das Nötigste. Statt von Schwarzen Löchern erzählte er lieber von der Liebe zwischen Stephen und seiner Frau Jane. Die Kritiker waren hingerissen, Hawking-Darsteller Eddie Redmayne gewann den Oscar. Das schönste Lob aber kam von Stephen Hawking selbst. Er hatte nach der Premiere Tränen in den Augen. Danach schrieb er in seinen Sprachcomputer eine Filmkritik, die aus zwei Worten bestand: "Broadly True". Entspricht weitgehend der Wahrheit, könnte man das übersetzen, aber man könnte es auch lakonischer sagen: passt schon. Vor allem für Anthony McCarten.

Anschließend passierte das, was sonst nur Schauspielern und Regisseuren passiert, wenn sie über Nacht die Gunst des Publikums gewinnen. McCarten beschreibt es in Anlehnung an Stephen Hawking so: "Mein Universum explodierte." All diese wichtigen Leute, die ihn plötzlich kennenlernen wollten, all die Anfragen und Einladungen. Aber ein Drehbuchautor sollte nicht zu viel feiern, sondern sich lieber vergraben in die nächste Geschichte, die in diesem Fall noch eine Nummer größer war. McCarten zog sich zurück, dann schrieb er das Drama des größten britischen Helden des 20. Jahrhunderts.

Der Film "Die dunkelste Stunde" erzählt die entscheidenden Tage im Leben des Politikers Winston Churchill. Als Hitler im Mai 1940 im Begriff ist, ganz Europa zu erobern, führt kein Weg mehr an dem alten Haudegen vorbei, gegen alle Widerstände ernennt ihn der König zum Kriegspremier. Im Film ist er ein Kauz und ein Familienmensch, ein Ekel und ein Charmebolzen, ein Zauderer und ein Anführer. Und ein Redner, der genial einfach formuliert, aber auch einfach genial schreibt, was ihm 1953 den Nobelpreis für Literatur eintrug.

Drei Filme von McCarten, drei Oscars für die Hauptdarsteller: Das ist die Folge harter Arbeit

Es ist nicht leicht, für so eine Sehnsuchtsfigur das richtige Maß an liebevoller Nähe und kritischer Distanz zu finden. "Die Historiker neigen dazu, Churchill als tollkühnen Helden zu zeichnen, der morgens aus dem Bett sprang, eine Zigarre anzündete und keine Zweifel hatte. Aber wir haben alle Momente der Angst. Es geht darum, uns selbst zu überwinden", sagt McCarten. Wochenlang suchte er in den "Churchill Archives" nach Dokumenten, die seine These belegen könnten, dass der Premier vor seiner historischen Rede im Unterhaus ("We Shall Fight on the Beaches") von schrecklichen Selbstzweifeln geplagt war und sogar daran dachte, Verhandlungen mit den Nazis über einen Friedensschluss aufzunehmen. McCarten fand die Belege, die seine These untermauerten: Für die Glaubwürdigkeit des Films war das von Vorteil, für das Gemüt national gestimmter Briten schwer erträglich.

Was ein gutes Drehbuch ausmacht? McCarten zögert nicht. "Du kannst nie etwas schreiben, was jenseits deiner Intelligenz liegt." Deshalb arbeitet er in der Vorbereitungsphase zu jedem neuen Film wie ein Schwamm, der alles aufsaugt. Es geht ihm auch darum, die Kontrolle über seine Geschichte zu behalten, weshalb er seine Filme auch am liebsten mitproduziert.

Churchill-Darsteller Gary Oldman war der zweite Hauptdarsteller eines McCarten-Films in Folge, der den Oscar gewann. Glückliche Fügung? Nein, eher das Ergebnis harter Arbeit. Oder wie Billy Wilder mal gesagt hat: Der Erfolg eines Films liegt zu achtzig Prozent am Drehbuch. Was auch auf das Musikdrama "Bohemian Rhapsody" zutrifft, das den Aufstieg des Queen-Sängers Freddie Mercury in poppigen Bildern beleuchtet. Drehbuchautor: Anthony McCarten. Dieses Mal war es kein Herzensprojekt, sondern eine Auftragsarbeit, "aber die Edelsteine lagen alle da, man musste sie nur auflesen." Und wieder gab es den Oscar, dieses Mal für Rami Malek, der als Freddie Mercury brilliert.

Weltweit spielte "Bohemian Rhapsody" mehr als 900 Millionen Dollar ein, davon allein hundert Millionen in Südkorea. Was McCarten besonders gefällt, weil er sich selbst als Weltbürger sieht - oder noch besser als "citizen of nowhere". "Als Autor ist es immer besser, wenn man sich seine Heimatländer ausleiht und nirgendwo ganz zu Hause ist. Dann bleibt man ein guter Beobachter."

Beim Frühstück in Haidhausen erzählt McCarten auch von seinen eigenen Anfängen in Neuseeland. Wie er mit sieben Geschwistern in einer katholischen Familie aufwuchs und Messdiener war. Die katholische Kirche erlebte er als geschlossenen Raum, "in dem keiner es wagt, die Tür aufzumachen und frische Luft hereinzulassen". Diese Erfahrung war einer der Gründe, die Geschichte der beiden Päpste Benedikt und Franziskus zu schreiben, zwei Antipoden, die das Beharren und den Aufbruch verkörpern.

Wie kann man die Kirche reformieren, ohne dass sie ihre Seele verliert - und welcher Papst hat den Mut, das größte moralische Versagen der Kirche offen anzusprechen, den sexuellen Missbrauch? McCarten schafft auch bei dieser Geschichte eine Balance zwischen dem Schweren und dem Leichten. Denn der Film, bei dem der Brasilianer Fernando Meirelles Regie führte, hat mehr Witz, als man jemals im Vatikan vermuten würde. Wenn Benedikt und Kardinal Bergoglio gemeinsam Pizza essen, Fußball schauen und in einem Moment traumhafter Selbstvergessenheit Tango tanzen, dann spürt man in jeder Zeile den Autor.

"Als Dramatiker muss ich beide Figuren lieben", sagt McCarten. "Auch wenn es bei Ratzinger nicht so einfach war. Wir haben ihn ja als den Mann erlebt, der nie lächelte." Immerhin haben die Zuschauer Grund dazu. Etwa wenn sich der fiktive Benedikt in seinem Sommerpalast Castel Gandolfo nicht beim Beten, sondern beim Fernsehen entspannt, beim Papst läuft die Neunzigerjahre-Serie "Kommissar Rex". Fernsehen als Flucht, das ist McCarten nicht wesensfremd. Als zweitjüngstes Kind saß er oft stundenlang vor der Glotze, weil im Haushalt mit so vielen Geschwistern ständiges Chaos herrschte. Der junge Anthony verschlang alle möglichen Serien, Western, Science-Fiction. "Fernsehen war meine Rettung, das hat mir eine neue Welt eröffnet", sagt er. Und es war auch eine Möglichkeit, über die Welt zu lachen.

Humor ist der Schlüssel zu seinen Filmen. Ohne Wortwitz wäre Churchill in "Die dunkelste Stunde" ein unerträglicher Egomane, ohne Situationskomik wären "Die zwei Päpste" zu düster. McCarten hat, ähnlich wie Billy Wilder, eine Formel, was seine Filme angeht: "60 Prozent sind normales Drama, 20 Prozent Seelenqual, 20 Prozent Humor." Das funktioniert, wenn man die richtigen Schauspieler hat - so wie Jonathan Price und Anthony Hopkins in "Die zwei Päpste". Beide Darsteller wurden in dieser Woche für die Golden Globes nominiert, was ja nur der Anfang ist bis zum großen Showdown bei den Oscars 2020.

Der Autor selbst hat es gut: Die meiste Zeit bleibt er unerkannt, ein stiller Star des Kinos, der nicht mehr für sich selbst werben muss. Das tun jetzt seine Filme, und wenn er keine Lust auf Drehbücher hat, kann er ja einen neuen Roman schreiben. Wo das nächste Abenteuer stattfindet, ist jedenfalls klar: im Kopf von Anthony McCarten.