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Kindesmisshandlung:Suizid wäre ungerecht gewesen

Ich weiß noch, dass sie mich insgesamt dreimal mit einem Besenstiel verprügelt hat, das war das dritte Mal. Das erste Mal war so im Alter von fünf bis sieben. Soweit ich mich erinnere, sollte ich abends meine Spielsachen aufräumen und zum Essen kommen. Ich verneinte, weil ich einfach mal wollte, dass mir meine Mutter etwas erklärt, mal mit mir redet. Stattdessen stieß sie einen Wutschrei aus, packte einen Besen und schlug mich damit grün und blau. Ein Kochlöffel war offenbar nicht mehr Strafe genug, es musste etwas Härteres sein.

Ich wollte nur, dass meine Mutter mit mir redet, und wurde deswegen von ihr zusammengeschlagen. Danach habe ich mich voller Angst oft gefragt, wann es denn so weit sein wird, dass sie mich ganz tot schlägt und nicht nur halb. Ich hatte eine solche Angst vor dem Tod. So habe ich meine Kindheit in Erinnerung. Als eine niemals enden wollende Gewaltorgie. Ich wurde permanent geschlagen.

Der Fischer und seine Frau

Ihr zu widersprechen oder gar sich gegen sie aufzulehnen, war für meine Mutter das schlimmste Verbrechen, das ein Kind begehen konnte. Als ich so zwischen sieben und zehn Jahre alt war, hat mich meine Mutter oft mehrmals die Woche fürchterlich geprügelt, hat so ungefähr zwanzig Kochlöffel auf mir zerschlagen, dazu die drei Besenstiele und die gar nicht mehr zu zählenden Ohrfeigen und Schläge und Misshandlungen mit der bloßen Hand. Mein Vater peitschte mich mit dem Ledergürtel aus, wenn meine Mutter es verlangte. Er war wie aus dem Märchen "Der Fischer und seine Frau" entsprungen. Er tat alles für sie und sie war immer unzufrieden.

Durch meine vielen Schwestern waren immer pubertierende Mädchen im Haus. Wenn sie zu Hause von anderen Jungen oder Mädchen erzählt haben, etwa ein Pärchen habe sich getrennt oder ein Mädchen sei schwanger, war der Standardkommentar meiner Mutter: 'Die Männer sind alle Schweine.'

Das hat sie oft auch in Anwesenheit meines Vaters gesagt, ohne dass er ihr jemals ins Wort gefallen wäre und sich das verbeten hätte. Ich habe diesen Spruch in meiner Pubertät so oft gehört, dass ich für mich daraus den Schluss gezogen habe, dass die männliche Sexualität irgendwie schweinisch ist. Und die Frauen sie nur einem höherem Zwecke wegen, nämlich der Fortpflanzung, über sich ergehen lassen. Ich wollte vor allem kein Schwein sein.

Meine Schwestern schlossen mich aus ihrer Gemeinschaft aus oder hänselten mich. Niemandem konnte ich irgendetwas recht machen. Ich hatte niemanden, dem ich mein Leid klagen konnte, bei dem ich mich mal ausweinen konnte. Alles schreckliche, was mir passierte, musste ich runterschlucken, in mir vergraben und mit mir rumtragen. Ich war völlig allein, absolut einsam und total verloren auf dieser Welt. Das Leben war für mich einfach unerträglich.

Emotionale Eiseskälte

Mein Zuhause war gefüllt mit emotionaler Eiseskälte, angereichert mit der nackten und rohen und zügellosen Brutalität meiner Mutter. Um den Schmerzen ein Ende zu bereiten, wollte ich mich vor einen Lastwagen werfen. Dann wäre wenigstens alles vorbei.

Doch dann las ich der Zeitung von einer Frau, die von einem Lastwagen überfahren worden war, überlebte - und den Rest ihres Lebens ein Pflegefall war. Im Rollstuhl oder bettlägerig wäre ich ja dieser Furie von Mutter und ihrer Gnade und ihren Launen völlig wehrlos völlig ausgeliefert gewesen und hätte nicht mal mehr theoretisch weglaufen können.

Der Zeitungsartikel hat mich verzweifeln lassen und ich habe mir panisch überlegt, wie ich es anstellen könnte, damit mir so ein Schicksal erspart bliebe.

Die katholische Kirche hat mich davon abgehalten. Diejenige katholische Kirche, der ich nicht mal angehörte. Ich hatte irgendwo gelesen, dass nach ihrer Meinung Selbstmörder in die Hölle kommen. Zuerst schob ich den Gedanken beiseite nach dem Motto: Das trifft für mich als Protestant gar nicht zu.

Aber so hundertprozentig sicher war ich mir nicht. Was, wenn die katholische Kirche doch recht hatte? Nun war mein Leben schon die Hölle auf Erden und weil ich diesem Leben entfliehen wollte, sollte ich noch als Strafe dafür für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren? Das fand ich höchst ungerecht - und das hat mich letztendlich davon abgehalten, mich umzubringen.

Kurz vor dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren habe ich erfahren, dass sie Borderlinerin war. Das ändert aber nichts daran, dass ich meine Kindheit als KZ betrachte: Ich war unberechenbarer, grenzenloser und völlig willkürlicher Gewalt ausgesetzt. Von einer psychisch kranken Frau."

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*Balthasar Müller ist ein Pseudonym. Der Autor hat im Selbstverlag sein Tagebuch veröffentlicht: "Verzweiflung (Stumme Schreie - Ein Mann auf der Suche nach seinen Gefühlen 1)"

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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© SZ.de/lala/rus
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