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Kindesmissbrauch:"Es war im Auto, es war hell, mein Bruder hatte eine rote Jacke an"

Ihr Vater hat sie regelmäßig vergewaltigt, ihre Mutter sah weg: Maria Andrea Winter ist als Kind missbraucht worden. Hier erzählt sie ihre Geschichte - und sagt, was Betroffene brauchen.

Jedes Jahr gibt es mehr als 12 000 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland. Das Dunkelfeld ist noch viel größer - die meisten Täter werden nie belangt. Seit einem Jahr hört die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs Betroffene an. Nun hat sie die Erkenntnisse aus deren Berichten vorgestellt. Demnach dulden viele Mütter Kindesmissbrauch. Auch Maria Andrea Winter, 59, ist Opfer sexueller Gewalt geworden - ihr Vater hat sie regelmäßig vergewaltigt und auch ihre Mutter sah weg. Mehr als 20 Jahre lang hat sie eine Selbsthilfegruppe für betroffene Frauen geleitet. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

SZ: Frau Winter, Sie sind in Ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalt geworden. Was haben Sie erlebt?

Maria Andrea Winter: Ich bin die Älteste von sieben Geschwistern, wir sind teilweise sehr isoliert von unserer Umgebung aufgewachsen. Als kleines Kind lebten mein Bruder und ich wechselweise auf einem Rheinschiff und in einem kleinen Dorf. In der Nachbarschaft wurde unsere Familie abgelehnt. Vermutlich, weil wir arm waren. Wir waren also völlig abhängig von unseren Eltern. Als ich ein Kind war, kam es immer wieder zu sexuellen Übergriffen durch verschiedene Täter. Beim ersten Übergriff war ich etwa zwei Jahre alt. Später hat mich mein Vater regelmäßig vergewaltigt. Bis ich mit 15 Jahren von zu Hause in die Obdachlosigkeit geflohen bin.

Wusste Ihre Familie von dem Missbrauch?

Natürlich. Wir haben damals zu viert im Zimmer geschlafen, meine Geschwister und ich. Einmal hat meine Mutter meinen Vater erwischt und ihn von mir weggezogen. Ich habe mich so geschämt, als ich am nächsten Morgen in die Küche kam. Aber sie hat getan, als sei nichts gewesen. Ich muss damals etwa 13 gewesen sein. Es war eine Weile Ruhe, dann ging es wieder los. Meine Mutter hat die Augen zugemacht. Jahrzehnte später habe ich von meinem Bruder erfahren, dass sie ihm und meiner Schwester gedroht hat: Wenn sie eine Aussage bei der Polizei machen, dann schlägt mein Vater sie tot.

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Gab es niemanden in Ihrem Umfeld, der geholfen hat?

Ich werde dieses Jahr 60. Ich war in einer Zeit betroffen, die eine ganz andere war. In der Schule habe ich gedacht, ich sei die Einzige, der so etwas passiert. Ich dachte, die anderen würden es sehen und riechen. Ich habe mich so geschämt. Es gab Lehrer, die uns auf die Finger geschlagen haben, es herrschte dort kein Vertrauensverhältnis. Auch Beratungsstellen gab es nicht, nur durch die Flucht konnte ich mich schützen. Natürlich war ich mit 15 Jahren noch schulpflichtig und wurde deshalb auch von der Polizei gesucht. Nachdem ich mehrfach aufgegriffen und wieder nach Hause gebracht wurde, habe ich Anzeige erstattet.

Wurde Ihr Vater verurteilt?

Nein. Im Gegenteil. Meine Mutter hat manipulativ auf mich eingewirkt. Sie hat gesagt, ich soll an sie und meine Geschwister denken. Sie hat mir ein so schlechtes Gewissen gemacht, dass ich Angst hatte, schuld zu sein, wenn es ihnen schlecht geht. Da habe ich die Anzeige zurückgezogen. Ich wurde wegen Falschaussage vor Gericht gestellt und verwarnt. Es gab keine Unterstützung. Ein Mann vom Jugendamt hat mir geglaubt, das schon. Er wollte nicht, dass ich die Anzeige zurücknehme und er wusste, dass alles stimmte. Aber die Liebe zu meiner Familie war stärker. Aus Liebe habe ich die Wahrheit weggelogen.

Waren Ihre Geschwister auch Opfer?

Ja, auch sie waren seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt, vergewaltigt wurde offenbar nur ich. Heute habe ich keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich musste mich verabschieden, um meine Geschichte aufarbeiten zu können. Für meine Familie war nicht der Täter schuldig, sondern ich, weil ich das Schweigen gebrochen habe. Mir wurde gesagt, ich sei abnormal. Ich war auffällig, war nie ein Kind. Eine Schulfreundin hat später einmal gesagt, ich sei so anders als die anderen gewesen. So unangepasst. Sie hat es als frei empfunden. Doch ich war als Kind nie frei.

Was hat Sie damals gerettet?

Es wurde versucht, mich irgendwo einzugliedern, doch ich war sozial total entwurzelt, bin überall wieder weggelaufen. Irgendwann wurde ich in Ruhe gelassen. Ich habe auf der Straße gelebt und hatte eine Beziehung zu einem Obdachlosen, der gewalttätig war. Das hat sich besser angefühlt, als die Gewalttätigkeit in meiner Familie. Trotzdem ging es mir natürlich nicht gut. Irgendwann habe ich dann ein Mädchen im gleichen Alter kennengelernt, die Ähnliches erlebt hatte. Die Gespräche mit ihr haben mir sehr geholfen. Ich wusste endlich, dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas passiert. Mit 21 ist sie an den Trauma-Folgen des Missbrauchs gestorben. Das war für mich ein Schock. Aber er hat auch vieles verändert. Ich habe endlich geredet.

Wie hat die Gesellschaft auf Ihre Offenheit reagiert?

Als junge Frau bin ich damit immer wieder auf Unverständnis gestoßen. Man empfahl mir in die Psychiatrie zu gehen, oder fragte, was ich zu dem Missbrauch beigetragen habe. Später wurde ich oft als weniger kompetent erlebt. Im Beruf und bei Behörden beispielsweise. Als ich eine Umschulung zur Erzieherin machen wollte, traute man mir das beim Arbeitsamt nicht zu. Ich musste oft kämpfen, um eine gesellschaftliche Chance zu bekommen.

Hat sich inzwischen etwas verändert?

Vieles ist besser geworden. Allerdings haben viele Betroffene immer noch Angst, diskriminiert zu werden, wenn bekannt wird, was ihnen angetan wurde. Den Einsatz der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs finde ich unglaublich wichtig. Sie nimmt mit ihren Anhörungen Betroffene ernst. Deren Geschichten werden anonymisiert gesammelt, um herauszufinden, welche Strukturen dazu geführt haben, dass sexuelle Gewalt passieren konnte. Deshalb ist jede Geschichte wichtig, nicht nur meine.

Was kann man aus Ihrer Geschichte lernen?

Mein Leben war sehr anstrengend durch die Spätfolgen der Traumata. Bis heute fehlen mir viele Gefühle, die für andere selbstverständlich sind. Und oft fühle ich mich unter andern Menschen einsam, verloren. Natürlich kann mir die Kommission nicht das zurückgeben, was mir als Kind an Gefühlen abhandengekommen ist. Aber ich wünsche mir sehr, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, dass Kinder künftig besser geschützt werden. Und die, die noch betroffen sind, keinen so harten Weg gehen müssen wie ich.

Was hätte Ihnen damals geholfen?

Ich hätte eine Begleitung in meinem Tempo gebraucht. Jemanden, der zugehört hätte, als ich zum ersten Mal darüber sprechen wollte. Jemanden, der akzeptiert hätte, dass ich mit 15 noch nicht bereit war für eine Therapie, mit 21 aber eine brauchte. Jemand, der mich ermutigt, gelobt und ernst genommen hätte. Bis heute kommt unter Stress bei mir eine Todessehnsucht hoch. Inzwischen kann ich damit meist gut umgehen. Ich empfinde mich als starke Person und mag mich auch, wenn ich schwach bin.

Haben Sie noch einmal versucht, Ihren Vater ins Gefängnis zu bringen?

Nein. Es gibt Verjährungsfristen. Und es ist oft schwer, später konkrete Vorwürfe zu erheben. Bei mir sind die Missbrauchssituationen sehr präsent. Ich habe beispielsweise ein Bild im Kopf: Es war im Auto, es war hell, es war warm, mein Bruder hatte eine rote Jacke an, er war etwa zwei Jahre alt. Ich weiß genau, was passiert ist. Aber ich weiß das Datum, die Uhrzeit nicht mehr. Für viele Betroffene, die über Jahre missbraucht wurden, ist es später schwierig, Ort und Zeit zu benennen. Andere haben gar keine Erinnerungen mehr oder die Bilder kommen erst nach Jahrzehnten wieder. Die Schutzmechanismen funktionieren unterschiedlich. Verdrängung ist einer davon. Deshalb verjähren die Taten so oft.

Was wünschen Sie sich für die Betroffenen heute?

Es wird inzwischen viel zum Thema Prävention in Deutschland gemacht, das Thema Familie ist immer noch ein schwieriges. Während meines mehr als 20-jährigen ehrenamtlichen Engagements in der Selbsthilfe und auch außerhalb habe ich viele Betroffene kennengelernt. In kaum einem Fall wurden der oder die Täter verurteilt. Wenn der Täter der Vater ist, der Bruder, die Mutter, die Schwester fällt es uns so schwer, darüber zu sprechen. Das muss sich ändern.

Wie kann man die Kinder stärken?

Viele haben Angst, ihre Familie zu verraten, wenn dort Gewalt geschieht. Haben Angst davor, was mit ihren Geschwistern, den Eltern und ihnen selbst passiert, wenn sie sich öffnen. Kinder sollen wissen, dass es okay ist, zu sagen, dass ihnen in der Familie der Schutz fehlt. Da müssen sie gestärkt werden. Das Wichtigste sind Vertrauenspersonen, die signalisieren: Wir glauben dir. Entscheidend ist deshalb vor allem, dass das Fachpersonal in Kitas, Schulen, Beratungsstellen, in allen Bereichen, besser vorbereitet ist und regelmäßig fortgebildet wird. Natürlich sind die meisten Familien sicher, aber eben nicht alle.

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