Kinderwunsch Also raus aus den Klamotten, rauf auf den Partner?

Der Hintergrund solcher - hier etwas zugespitzter - Gedanken, wird selten thematisiert: Viele Menschen sind in Sachen Fruchtbarkeit viel zu wenig aufgeklärt. Das Einzige, was sie in jungen Jahren zu hören bekommen, ist der Appell, nur ja keine Kinder in die Welt zu setzen, bis die Ausbildung abgeschlossen ist. Schwangerschaft als Tabu - so etwas bleibt haften.

Die Tatsache, dass es im Monatszyklus nur eine Handvoll fruchtbare Tage gibt und dass die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden auch an den fruchtbaren Tagen nur bei 25 Prozent liegt, erfahren Teenager selten. Aus gutem Grund, sie sollen ja bloß IMMER VERHÜTEN. Doch irgendwann zwischen 17 und 30 wäre es angebracht, sich auch mit der Endlichkeit der Fruchtbarkeit auseinanderzusetzen und ein paar Fakten geradezurücken.

"Studien haben gezeigt, dass etwa die Hälfte der Deutschen denkt, die Fertilität der Frau nehme erst mit 40 ab", bestätigt Andreas Jantke. Dabei seien in diesem Alter selbst die Chancen für eine erfolgreiche Kinderwunschbehandlung vergleichsweise gering. Medizinethikerin Wiesemann fordert deshalb eine bessere Aufklärung schon in jungen Jahren. Wobei nicht nur Frauen Adressaten einer solchen Aufklärungskampagne sein dürften. Auch Männer müssen wissen, dass sie mit etwas Glück noch mit 70 Kinder zeugen können, ihre Partnerin aber schon Schwierigkeiten haben könnte, wenn sie halb so alt ist.

Ab 30 sinkt die Fertilität der Frauen - ab Mitte 30 dann rapide

Früher, als das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes noch bei Mitte 20 lag, mag dieses Wissen nicht von Belang gewesen sein. Heute ist es existenziell. Denn Argumente für eine späte Elternschaft gibt es viele: Chefs, die ein Baby als Karrierehindernis begreifen oder mangelhafte Kinderbetreuung zum Beispiel. Regretting-Motherhood- und Social-Freezing-Debatten, die Grund zum Grübeln geben. Natürlich lösen sich diese Argumente nicht einfach auf, nur weil man die biologischen Fakten kennt, aber sie erscheinen in einem anderen Licht.

Da wäre etwa die Tatsache, dass die Fertilität bei der Hälfte der Frauen bereits mit 30 abzunehmen beginnt - zunächst nur langsam, ab Mitte 30 dann rapide. Oder dass die Eizellen, die eine Frau von Geburt an in sich trägt, mit zunehmendem Alter an Qualität einbüßen und auch eine künstliche Befruchtung nicht viel ausrichten kann, wenn da keine gesunden Eizellen mehr sind, die befruchtet werden könnten.

"Viele Menschen haben überzogene Erwartungen an die Reproduktionsmedizin", sagt Kinderwunscharzt Andreas Jantke. Auf der Internetseite seiner Klinik steht groß die Zahl 44,7. Sie gibt an, wie viel Prozent der Klientinnen im vergangenen Jahr durch seine Behandlung schwanger geworden sind. Nicht ganz die Hälfte also. Die meisten Klientinnen seien etwa Mitte, Ende 30, sagt Jantke.

Wer die Kinderwunschklinik erfolglos verlässt, aber partout nicht adoptieren will, gelangt fast automatisch auf die Internetseiten ausländischer Eizellenbanken oder Leihmütteragenturen. Dann stellt sich die Frage, ob man bereit ist, ethische Bedenken zur Seite zu schieben und wie weit man das globale Geschäft mit dem Kinderwunsch unterstützen will und kann.

Eine Google-Anfrage reicht, um zu erfahren, dass ein unerfüllter Kinderwunsch nicht nur teuer werden kann, sondern viele Paare psychisch belastet. Für manche Betroffene wird jeder fehlgeschlagene Versuch zum Trauerfall. "Wir bieten von Anfang an psychosoziale Betreuung an", sagt Jantke. Die meisten Paare kämen schon gestresst in die Klinik. Kein Wunder, viele würden seit Jahren versuchen, ein Kind zu bekommen.

Denkt jemand an all diese Dinge, wenn er im Fernsehen schwangere Prominente Mitte 40 sieht oder erfährt, dass eine Bekannte gerade mit Ende 30 Zwillinge bekommen hat? Vermutlich nicht. Die Großverdiener der Kinderwunschindustrie dürften sich indes begeistert die Hände reiben. Gut gelaunte Midlife-Mütter, die den schwierigen Teil ihrer Erfahrungen lieber unerwähnt lassen, sind die besten Aushängeschilder.

Wie wichtig eine entspannte Atmosphäre für das Geschäft ist, zeigt sich auch bei den "Kinderwunsch-Tagen" in Berlin: Eizellspenderinnen lächeln dort glücklich von Plakaten, Angebote für Leihmütteragenturen im Ausland laufen unter dem Schlagwort Reproduktionstourismus. Als würden die künftigen Eltern irgendwohin in Urlaub fahren, ein bisschen am Strand liegen und dann ein Kind als Souvenir mit nach Hause nehmen.

"Das Bild, das hier gezeichnet wird, hat mit der Realität ungewollt kinderloser Paare nichts zu tun", sagt Medizinethikerin Wiesemann. Es handle sich um einen belastenden Prozess für alle Beteiligten. Mit vielen offenen Fragen, vielen emotionalen Momenten und einem gewaltigen Berg an Papierkram.

Wer früher mehr weiß, entscheidet freier

Was ist also die Konsequenz? Raus aus den Klamotten, rauf auf den Partner und möglichst schnell ein Kind machen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Gründe fürs Warten lösen sich durch das Wissen um die Biologie wie gesagt nicht auf.

Fest steht, dass die Debatte über Reproduktionsmedizin und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sehr viel intensiver geführt werden muss als bislang. Zumal sich in Zukunft deutlich mehr Menschen für diesen Weg entscheiden werden.

Bei der nächsten Diskussion im Freundeskreis kann es schon helfen, wenn man der Ärztin etwas mehr Gehör schenkt, die mahnt, dass alles nicht so einfach ist. Um dann rechtzeitig eine reflektierte Entscheidung zu treffen, ob und wann die breiverschmierte Phase des Lebens beginnen soll.

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