Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
haben Sie Kinder? Vermutlich, warum sonst sollten Sie diesen Newsletter abonniert haben. Was hätte es für Sie bedeutet, keine eigenen Kinder bekommen zu können, aus welchen Gründen auch immer – hätten Sie das akzeptieren können? Oder aber versucht, sich ihren Kinderwunsch über eine Pflegelternschaft, ein Co-Parenting-Modell oder eine Adoption zu erfüllen? Und: Wäre für Sie auch eine Leihmutterschaft im Ausland infrage gekommen?
Jedes sechste Paar in Deutschland ist ungewollt von Kinderlosigkeit betroffen, und das Geschäft mit den Leihmutterschaften boomt. Schätzungen zufolge wurden im vergangenen Jahr damit weltweit 26 Milliarden Dollar umgesetzt. Auch Svenja Steinke aus Berlin hat sich 2024 für eine Leihmutterschaft entschieden. Die 39-Jährige ist behindert und kann selbst keine Kinder bekommen. Ich habe ihre Kinderwunschreise, die beinahe zu einem Horrortrip wurde, ein Jahr lang begleitet (SZ Plus).
In dieser Zeit wurde mir einmal mehr bewusst, wie großes Glück ich selbst hatte, „einfach“ Kinder bekommen zu haben. Und wie sehr unser Rechtssystem Frauen mit Kinderwunsch benachteiligt: Während Männer für Kinder mit Zustimmung der Mutter die Vaterschaft anerkennen können, gibt es für Frauen keine vergleichbare Möglichkeit. Mutter ist in Deutschland nur, wer ein Kind auf die Welt bringt.
Auf die Frage, warum sie unbedingt ein Kind wolle, hat Svenja Steinke mir in einem unserer Gespräche geantwortet: „Ich will für jemanden da sein, bedingungslos lieben, meine Werte und Vorstellungen weitergeben.“ Sie sehnte sich aber auch nach Anerkennung in einer Gesellschaft, in der eine Frau ohne Kind weniger wert ist als eine mit Kind. Als ich darüber nachdachte, musste ich an einen Text meiner Kollegin Dorothea Wagner vom SZ-Magazin denken (SZ Plus). Sie beschreibt sich darin als eine „Frau, die nie einen starken Kinderwunsch hatte“. Und die diesem Gefühl frei folgen will. Was interessant ist: Ihr wird darum immer wieder vorgeworfen, egoistisch zu sein – genauso wie Svenja Steinke.
Die Wahrheit ist wohl, dass es – vor allem von Männern – als egoistisch empfunden wird, wenn eine Frau eigene Entscheidungen trifft. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass „wir Frauen“ es uns gegenseitig schwer machen. Im Frühjahr habe ich die Münchner Schriftstellerin Lena Gorelik in ihrer Küche interviewt (SZ Plus), sie hat das wohl schönste Buch des Jahres über Mütter geschrieben. Im Gespräch sagte sie: „Mütter sind oft wenig solidarisch, besonders entlang sozialer Milieus, fällt mir auf. Es gibt sehr wenig Verständnis oder auch nur Interesse aneinander, dafür viele homogene Mütterkreise und viel Bewertung.“ Da hat sie leider recht. Darum lautet mein Motto: öfters raus aus dem eigenen Mütterkreis, rein ins Miteinander.
Kommen Sie doch mit!
Carolin Fries

