Kinderpsychologie:"Man muss nur quaken, dann kommt die Brust"

SZ: Wie war das bei Ihnen? Sie waren 1968 dreizehn Jahre alt. Haben Sie etwas vom damaligen gesellschaftlichen Aufbruch mitbekommen? Haben Sie ihn als Befreiung erlebt?

Kinder und Eltern

Kinder brauchen klare Grenzen - meint Jugendpsychiater und Buchautor Winterhoff. Sonst wird der Erwachsene für das Kind zum Gegenstand, den man beliebig herumschubsen kann.

(Foto: Foto: dpa)

Winterhoff: Ich bin 1955 geboren - eher im negativ-autoritären Milieu. Erst durch 1968 sind wir heute in der Lage, Autoritäten in Frage zu stellen. Wichtig ist, dass unsere Kinder mit beiden Bausteinen groß werden. Kleine Kinder müssen als kleine Kinder wahrgenommen werden. Sie brauchen klare Linien und Autoritäten.

Später muss man ihnen natürlich immer mehr Eigenständigkeit zuerkennen. Seit Anfang der Neunziger jedoch behandelt man bereits kleine Kinder als gleichwertige Partner. Deshalb haben sie keine Entwicklungschance.

SZ: Werden Sie wegen Ihrer Thesen als Spießer beschimpft?

Winterhoff: Ich erfahre sehr viel Zuspruch. Nur manchmal tut man mir Unrecht und behauptet, ich würde Zucht und Ordnung fordern - darum geht es mir aber nicht. Mir geht es darum zu sagen, dass ein gesundes fünfjähriges Kind ruhig den Tisch decken darf.

Ein Grundschüler macht von seiner Entwicklung her auch viele Dinge, zu denen er eigentlich keine Lust hat. Aber er macht sie für seine Eltern. Das ist normal. Heute kommt es leider häufig vor, dass diese Beziehung von Kindern zu ihren Eltern sich nicht mehr entwickeln kann. Das hat damit zu tun, dass viele Eltern ihr Kind so wahrnehmen, als sei es ein Teil von ihnen selbst. Ich spreche da von Symbiose.

SZ: Das müssen Sie erklären.

Winterhoff: Als ich groß wurde, ging es in Deutschland stetig aufwärts. Es war die Zeit der Aufbauphase, des Wirtschaftswunders. Dann fiel die Mauer - ein neuer Markt entstand. Es ging immer weiter und weiter. Seit etwa fünf Jahren aber heißt es: Es wird alles schlechter.

Eigentlich müsste sich nun bei vielen die Sinnfrage stellen. Stattdessen kompensieren manche Eltern lieber: Sie übertragen unbewusst das Glück, das sie bei ihren Kindern festzustellen glauben, auf sich selbst. Sie fühlen für ihr Kind, denken für ihr Kind, verschmelzen mit dem Kind. Man kann das ja überall beobachten: Kinder dürfen plötzlich alles, machen gefährliche Sachen oder benehmen sich auch in Gesellschaft fremder Erwachsener daneben.

Und die Eltern nehmen das einfach nicht wahr. Spricht man die Eltern auf das Fehlverhalten ihrer Kinder an, sagen die nur: "Ach, das hat der doch nicht extra gemacht." Das Problem ist: Sie sehen in dem Kind dann nicht mehr das Kind, sondern einen Teil von sich selbst, den es in Schutz zu nehmen gilt.

SZ: Und die Kinder?

Winterhoff: Aus der Sicht des Kindes werden Eltern zum Gegenstand, den man nach Belieben herumschieben kann. Wie einen Stuhl. Wenn Kinder aber noch nicht einmal mehr zwischen Menschen und Gegenständen unterscheiden können, sind sie in ihrer psychischen Reife und sozialen Entwicklung bedroht. Auf sie haben später Computerspiele und das Fernsehen eine ganz andere Sogwirkung.

SZ: Wenn Verbrecher vor Gericht stehen, so gilt gelegentlich: Der hatte schon als Kind keine Chance, deshalb kriegt er hier mildernde Umstände. Wenn man Sie so hört, glaubt man: Überall rennen tickende Zeitbomben rum.

Winterhoff: Unsere Gesellschaft wird bald aus noch mehr Menschen bestehen, die nicht arbeitsfähig sind. Diese werden sehr viel staatliche Gelder verschlingen und von den anderen als "faule Socken" bezeichnet werden. Allerdings werden diese Menschen tatsächlich nicht arbeiten gehen können, weil ihnen dazu die Psyche fehlt.

SZ: Bietet denn die Politik aus Ihrer Sicht derzeit adäquate Lösungen an?

Winterhoff: Nein. Da viele Eltern offensichtlich überfordert sind - weil sie beide arbeiten gehen oder Beziehungsprobleme haben - müssten Kindergarten- und Schulkonzepte endlich völlig neu überdacht werden. Frankreich ist da schon viel weiter: Hier leisten staatliche Profis schon seit geraumer Zeit das, was früher im günstigsten Fall die Familie leistete. Pädagogische Kräfte in Frankreich haben studiert und kennen sich mit sprachlicher, motorischer und psychischer Entwicklung viel besser aus als ihre deutschen Kollegen.

© SZ vom 27.06.2008/incs/gdo
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