In vielen deutschen Grundschulklassen ist es üblich, die ZDF-Kindernachrichten „Logo!“ zu schauen. Das kenne ich aus München und das ist auch in der neuen Schule meiner Tochter in Berlin so. Ich finde das an sich eine gute Sache. Vorausgesetzt, in der „Logo!“-Redaktion kann man echte von KI-Videos unterscheiden (was im ZDF kürzlich bei einem „Heute-Journal“-Beitrag aus den USA nicht gelang, wofür die zuständige Korrespondentin, wie mir scheint, als einsame Schuldige herhalten musste – aber das ist ein anderes Thema).
Und vorausgesetzt, „Logo!“ wird nicht nur als Vertretungsstundenfüller genutzt, was in der Unterrichtsausfall-Hauptstadt Berlin gut vorstellbar ist. Es wäre mir schon wichtig, dass eine Lehrkraft versucht, das Gesehene im Zweifel gemeinsam mit den Kindern einzuordnen. Wobei: Wie die Weltlage einzuordnen ist, darüber gehen die Meinungen natürlich schnell auseinander.
Als wir noch in München wohnten, eskalierte wegen „Logo!“ eines Tages der ohnehin gefürchtete Elternchat. Es begann mit der Nachricht eines besorgten Vaters: Seine Tochter komme wegen der Sendung zunehmend verstört nach Hause. Eigentlich versuche er, bedrückende Schlagzeilen von ihr fernzuhalten. Er sei gegen „Logo!“ im Unterricht. Na, da ging es aber los! „Halt!“, antwortete eine Mutter und erntete viele Herzen: Sie begrüße es, dass die Kinder altersgerecht über Politik informiert werden. Einer ergänzte: Sein Sohn liebe „Logo!“, auf keinen Fall abschaffen! Aber die Konflikte wurden unübersichtlicher.
Also, er müsse dringend etwas loswerden, begann ein bei Elternabenden schweigsamer Vater: Er habe sich die letzten „Logo!“-Ausgaben mal angeschaut und sei entsetzt ob des kriegstreiberischen Tons, der dort angeschlagen werde (es ging um die Ukraine und die deutsche „Zeitenwende“). Ob man den Kindern nicht auch andere Perspektiven auf das aktuelle Gebaren der Nato mitgeben müsse? Es folgten einige Links zu Artikeln der „Nachdenkseiten“, also gleich die richtig schweren Geschütze.
Solche Links verbitte sie sich hier, schoss eine Mutter zurück, schneller als man Taurus sagen kann. Und ein anderer merkte an: Man werde sich doch wohl noch auf die journalistische Qualität und Ausgewogenheit der Öffentlich-Rechtlichen einigen können? „Dass ich nicht lache!!!“, kommentierte eine Mutter, sie hoffe, niemand sei in der Runde so naiv, den „Mainstream-Medien“ alles zu glauben. „Ich denke, dies ist nicht der richtige Ort für solche Diskussionen“, flehte der Elternsprecher, aber so einfach war das nicht mehr abzuwürgen – zum Glück hatte ich den Chat Jahre zuvor stummgeschaltet.
Der Kompromiss, auf den die umsichtige Klassenlehrerin kam, bestand darin, dass Ausgaben mit potenziell traumatisierenden Inhalten nicht geschaut wurden, was hieß: „Logo!“ lief nur noch selten. Das ist in Berlin anders, da läuft alles. Dieser Tage geht es natürlich vor allem um den Krieg in Iran. Meine Tochter erweist sich als äußerst informiert – ist aber auch besorgt. Beim Abendessen fragte sie nach der Wahrscheinlichkeit eines dritten Weltkriegs. Ich gab mir Mühe, nichts schönzureden, aber doch die Hoffnung auf eine friedlichere Welt am Leben zu halten. Dass einem heutzutage sogar die Elternchats um die Ohren fliegen, habe ich verschwiegen.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

