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Kindermode:Baby, du bist hip

Das ist Mode für Kinder: geschrumpfte Erwachsene, Möchtegern-Halbstarke, frühreife Staranwälte oder zukünftige Models mit den Maßen 40-40-40.

Sie schaut ein wenig unbeteiligt, die Lippen zusammengepresst, eine Flasche mit knallrotem Schraubverschluss hält sie fest in der Hand. Hübsch ist sie, die Kleine mit den langen, seidig glänzenden Haaren. Sie trägt ein bunt bedrucktes Kleid von Catimini, darunter ein weißes T-Shirt von American Apparel. Sie ist vermutlich fünf Jahre alt, vielleicht auch sechs.

Bildstrecke

Das ist Kindermode

Wie sie heißt, erfahren wir nicht. Dafür den Namen des Fotografen, der das Mädchen und andere Kinder auf der Rastanlage Siegburg-West an der A3 kunstvoll beiläufig in Szene gesetzt hat, "Desperate Ones" heißt die Bildstrecke, der Fotograf: Martin Parr.

304 Seiten ist das Heft dick, in dem die ungewöhnlichen Modeaufnahmen des bekanntesten britischen Fotografen auf sechs Seiten zu sehen sind. Der Rest: Fotos der holländischen Künstlerin Hellen van Meene, Bilder des japanischen Designers Jun Takahashi, von Rinko Kawauchi und Tierny Gearon.

Viel Werbung und dazwischen Texte, Essays, Interviews, manche auf Englisch, die meisten auf Deutsch. Gemein ist ihnen nur eines: Immer geht es um Kinder. Aber von und für Erwachsene geschrieben.

Zweimal jährlich erscheint das ehrgeizige Heft Kid's Wear, das in Köln entsteht und sich, so steht es auf der Homepage, mit "Kindermode, Leben und Kultur" in einer Auflage von 32.000 Exemplaren beschäftigt. Auf dem Markt der deutschen Kindermodemagazine ist es damit der einzige Hoffnungsstrahl in einer Ödnis, in der selbst eine Autobahnraststätte wie das Schlaraffenland aussieht.

Die Kinder haben nichts anzuziehen!

Kein Wunder, dass Deutschland mit seiner Geburtenrate auf einem der schlechtesten Plätze Europas liegt. Die Kinder haben schlicht nichts anzuziehen! Auch wenn diese Feststellung dem gesellschaftlichen, sozialen und demographischen Problem der deutschen Kinderlosigkeit natürlich bei weitem nicht gerecht wird, wahr ist sie im europäischen Vergleich trotzdem.

Dabei wächst jedes der Kinder Tag für Tag. Mehr als ein Meter vom Moment der Geburt an wird es insgesamt sein, bis ein Kind seine endgültige Größe erreicht hat. Das sind, wenn man davon ausgeht, dass Konfektionsgrößen in Zwei-Zentimeter-Schritten wachsen, etwa 50 Kleidergrößen, verteilt auf weniger als zwanzig Jahre, vier Jahreszeiten per anno.

Hersteller von Kinderkleidung müssten bei diesen Zahlen eigentlich ins Schwärmen geraten, Designer einstellen, Stoffe bestellen und ihre unzähligen Kreationen auf Kindermode-Messen ausstellen. Sie müssten große Fotografen und kleine Models engagieren und dann Magazine drucken, die etwas günstiger zu haben sind als das avantgardistische und 12,50 Euro teure Kid's Wear.

Kindermodenschauen, die an Paris und Mailand erinnern

Doch mit einer deutschen Messe für Kindermode und Accessoires sieht es so schlecht aus wie auf dem Zeitschriftenmarkt: Es gibt sie einfach nicht. In den Niederlanden, Belgien, Spanien, Großbritannien, Frankreich, selbst in Dänemark, Moskau, New York und natürlich auf der Pitti Immagine Bimbo in Florenz finden jährlich Events statt, auf denen Schuhe, Strümpfe, Hosen, Röcke, Regenschirme, Gummistiefel, Haarspangen und Handtäschchen in den Größen 56 bis 164 verhandelt werden.

Und das mit einem Aufwand, der nicht von ungefähr an die Schauen in Mailand und Paris erinnert. Folgerichtig heißt eine Fotostrecke in der aktuellen Ausgabe von Kid's Wear "Catwalk Backstage". Und ironisch ist das nicht gemeint.