Kinderlieder und Erwachsene Und jetzt alle!

Tanz die Lillifee: Wenn Kinder zu ihren Lieblingsliedern Party feiern, erfreut das nicht immer das Gehör der Erziehungsberechtigten.

(Foto: Cultura/Getty Images)

Kinderlieder sollen Kindern Spaß machen, klar. Aber für Erwachsene wird so manche CD zur Qual. Warum tun sich Eltern schwer, die gleiche Musik wie der Nachwuchs zu mögen?

Von Christina Waechter

Auf den Fahrten in die Ferien herrschte im weißen Passat meiner Eltern ein strenges Regiment: Nur wenn alle Kinder brav waren, durften wir Kassetten hören. Es war immer die gleiche Sorte Bildungsbürger-Nachwuchs-Kassette, die aus dem Leben des jungen Mozart, Beethoven oder Verdi erzählte, angereichert mit musikalischen Beispielen. Ob es für unsere Eltern damals so angenehm war, irgendeinem vorlauten Bürschchen aus dem Tölzer Knabenchor zuzuhören, der sich als junger Mozart ausgab? Aus heutiger Sicht wage ich es zu bezweifeln.

In der Familienkutsche, die mit der Geburt des ersten Kindes in unserem Haushalt angeschafft wurde, befindet sich nun eine zerkratzte CD, Herkunft unbekannt. Darauf sind alle herkömmlichen Kinderlieder in klassischer Instrumentierung, das Experimentellste ist der Einsatz einer Tröte in dem Gassenhauer "Ri Ra Rutsch, wir fahren mit der Kutsch". Die erste Strophe jeden Liedes wird von einer Frau in der wenig bekannten Stimmlage Super-Sopran gesungen. Danach kommt ein Kind, das "Fennich" statt Pfennig singt und auch sonst bestimmt alles besser weiß. Auf so mancher Reise in die Berge oder nach Italien war diese CD unsere einzige Unterhaltung - abgesehen von dem Gespräch über die ungefähre Fahrtdauer natürlich.

Echte Seltenheit: Kinder-CDs ohne Dazwischenquatscherei

Hört man die immer gleichen Aufnahmen zum 100. Mal in Folge, kann man irgendwann nicht nur die Folge der Lieder auswendig, man kann sie auch mitsingen und weiß noch dazu, in welcher Strophe eines der Kinder auf der CD plötzlich zu lispeln anfängt. Klar, dass man da sofort mitlispeln muss. Und die Instrumente mitsingt. Und mittrommelt . . . Man muss sich das Ganze dann wie eine Art akustisches Stockholmsyndrom vorstellen.

Und dennoch ist unsere CD gar nicht so übel im Vergleich zu dem, was sonst so an Kinderliedern im Umlauf ist. Sie darf im Auto bleiben, weil sie zwei große Vorteile gegenüber den meisten anderen hat: Das Personal beschränkt sich auf jahrhundertelang erprobte Lieder. Und niemand quatscht dazwischen.

Das ist bei CDs der neueren Generation eine echte Seltenheit geworden. Die meisten haben mittlerweile einen Sprecher, der durch die Laufzeit führt. Man kann nur rätseln, warum das so ist. Dieser Conférencier ist in der Regel entweder vom Typ Märchenonkel mit phonetischem Schnurrbart oder naseweises Kind mit Mutterwitz. Das Problem: Auch der lustigste Witz verliert ein wenig an Glanz, wenn man ihn hundertmal gehört hat. Und aus Erfahrung kann man sagen, dass die Scherze auf Kinder-CDs eher von der Sorte sind, die von einem Tusch begleitet werden müssen, damit man die Pointe wahrnimmt.

Kinderlieder-Alben gibt es heute in den verschiedensten Versionen: Solche, die den klassischen Kanon absingen, und solche, die diesen Kanon neu zu interpretieren versuchen - gerne in Gestalt eines alternden Popstars, der neue Märkte erschließen will (Nena hat sich damit etwa ein lukratives zweites Standbein aufgebaut). Außerdem gibt es unglaublich viele gut gemeinte hippe Alben, deren eigentliche Zielgruppe leidgeprüfte Eltern sind. Jedes Neo-Folk-Subgenre hat eine Kinder-Version, die "Greatest Hits" aller größeren Stadion-Bands eine kinderfreundliche Fassung und Hip-Hop-Songs erzählen aus dem Alltag von Erstklässlern. Allerdings gehen einem auch Interpretationen von Metallica-Hits nach dem zehnten Mal Anhören mindestens genauso auf die Nerven.

Ein weiteres Rätsel ist die Themenfindung. Zu jeder modernen Kinder-CD gehört mindestens ein Lied über tabuisierte Körperfunktionen. Erst auf dem Klo findet der gemeine Kinderlied-Komponist anscheinend so richtig zu sich selbst. Die Kinder finden es zugegebenermaßen ziemlich witzig, während die Eltern gequält den Pups-Geräuschen lauschen und sich wiederholt fragen, wann der Nachwuchs in Sachen Humorverständnis endlich aus der analen Phase herausfindet.

Vor allem im Auto bestimmt der Nachwuchs die Musik

Wenn es auf einem Kinder-Album hinaus in die weite Welt geht, kann es dagegen richtig heikel werden. Da führen sich die Protagonisten oft so sensibel auf wie Heinrich Lübke, ehemaliger Bundespräsident, auf Afrika-Reise. Indianerkinder schleichen auf Mokassin-Sohlen um den Wigwam, rätselhafte Asiaten lächeln ohne Unterlass und der Afrikaner hat das Trommeln im Blut. Irre, auf welche Klischees man als Komponist noch so stoßen kann, wenn man sich richtig Mühe gibt.

Das ungeschriebene Franchising-Gesetz besagt zudem, dass zu jeder Figur, die das Kinderzimmer bevölkert, mindestens fünf weitere CDs gehören, die jedes Kind natürlich haben muss, wenn es im Kindergarten etwas darstellen will. Petterson singt nicht nur normale Lieder, sondern auch Reise- und Winterlieder, die Maus trällert Party-, Tier- und Ostersongs und Prinzessin Lillifee flötet über Einhörner und Blumen. Auch wenn die Qualität oft knapp an der Grenze zur Unverschämtheit entlang schrappt, werden sie von Kindern begeistert gesammelt. Für sie gilt: Wenn ihre Lieblingsfiguren etwas machen, muss es gut sein - egal, was es ist.

Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf. Unsere Kinder wachsen in einem Haushalt auf, in dem Musik eine große Rolle spielt. Die elterliche Plattensammlung bedeckt eine Wand, die CDs eine andere. Im Wohnzimmer haben die Erwachsenen weiter hin das Sagen. Dort bekommen die Kinder Van Morrison, Ella Fitzgerald und den Country-Sänger Merle Haggard zu hören. Immer in der Hoffnung, sie eines Tages dafür zu begeistern. Nur im Auto, in dem der fragile Frieden mit allen Mitteln bewahrt werden muss, haben wir schon lange die Herrschaft über das Radio verloren. Auch in diesem Sommer wird auf der Reise wieder "Backe, backe Kuchen" ertönen. Und alle Mitfahrer werden lauthals einstimmen in den Chor: "Schieb in den Ofen REIN!"

Fünf Musik-Empfehlungen für Groß und Klein: "Country für Kinder": von den Poncho Ponys (Arg & Loud). Eingedeutschte Klassiker von Hank Williams, aber auch Eigenkompositionen.

"The Johnny Cash Children's Album": von Johnny Cash (Columbia/Sony). Kinderalben haben viele Musiker im Laufe ihrer Karriere aufgenommen. Johnny Cash hat mit seinem einen Standard gesetzt, den kaum einer nach ihm erreicht hat.

"Songs from the Street - 35 Years of Music": (Entertainment One). Dieses Album von 2003 versammelt die größten Hits aus der Sesamstraße, als auch die besten musikalischen Gastauftritte der Fernsehsendung aus 35 Jahren . Besonders empfehlenswert: "Superstition" von Stevie Wonder.

Family Time": von Ziggy Marley (V2 Benelux, H'ART). Kinder mögen in der Regel Reggae, dieses Album hat Bob Marleys Sohn Ziggy für die ganze Familie aufgenommen. Mit dabei sind u.a. Willie Nelson, Jack Johnson und Paul Simon.

"Leiser": von Café Unterzucker (Trikont). Einer der Macher von Doctor Döblinger Kasperltheater hat die halbe Münchner Volksmusik-Szene ans Mikrofon gebeten.