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Kindergeburtstage der Superlative:Disneyland, Stretch-Limousine, Champions-League-Finale

Da ist zum Beispiel diese Geschichte aus Hamburg. Sie ist verbürgt. Ein Hamburger Kind hat Geburtstag, es hat auch beste Freunde in Harvestehude, ein halbes Dutzend. Und es hat einen besten Papi, der was auf sich hält. Folglich werden Plätze in einer Maschine nach Paris gebucht. Aus Gründen der Vernunft: Economy. Alles einsteigen, hin, Disneyland, zurück, alles aussteigen. Was für ein Tag. Happy Birthday! Beziehungsweise: Joyeux Anniversaire!

Und dann gibt es noch die Geschichte aus München, zwar eine Liga, mindestens, unter dem Disneyland-Gig, aber es kommt hier weniger auf den finanziellen Superlativ an als auf die Haltung. Man erhält die Einladung zum Kindergeburtstag. So weit, so reizend, so normal. Dann aber folgt der Zusatz: Die eingeladenen Kinder werden allesamt vom Hort abgeholt. So weit, so praktisch, so ambitioniert. Dann aber folgt noch ein Zusatz zum Zusatz: Abholung mit Chauffeur und Stretch-Limousine. So weit, so irre, so zusatzirre. Was, glauben die Leute, haben die Kinder davon? Limonade an der Limousinen-Bar? Es sind Kinder, sie müssen also nicht zwangsläufig schon so verbogen denken wie ihre Stretch-Eltern.

Es gibt eine Einladung für das Töchterchen in den Sommergarten eines Sternerestaurants, "Parents welcome", wo schon der Zauberer und der Clown und die Irgendwastolles-an-irgendwastollem-Kulinarik warten; es gibt eine Einladung für das Söhnchen in die VIP-Lounge der Allianz-Arena zum, ja!, Champions-League-Finale; es gibt Einladungen zur Fahrt mit dem Heißluftballon übers Tegernseer Tal und solche, die im Kino enden. Nur Kino? Hurra. Na ja, fast, das Kino wurde privat angemietet. Samt Catering und Band.

Als Vater fürchtet man sich gelegentlich vor der Post, vor Briefen, die mit dem Aufdruck "Mahnung" versehen sind oder vom Finanzamt kommen. Den größten Horror aber verbreiten jene benettonbunten Geburtstagseinladungskarten von Jonas, Timo, Lena & Co., die krakelige Fröhlichkeit verbreiten würden, erzeugten sie nicht dank des elterlichen Ehrgeizes nur schieres Entsetzen: schon wieder ein Kindergeburtstag . . . schon wieder ein Samstag . . . schon wieder ein neuer Anwärter auf die Mommydaddy-Oscars ("beste Idee", "beste Logistik", "beste Pädagogik", "bester Kind-Erwachsener-Betreuungsschlüssel", "bestes Mitgebsel", "beste Muffins", "beste After-Party-Proseccoplörre-für-erwachsene-Abholer". Es ist zum Heulen. Könnte das Leben nicht eine kindergeburtstagsfreie Zone sein?

Zwischenruf des Autors

Hier eine dringende Anmerkung in eigener Sache: Die Kinder des Autors sind reizend. Sie lieben es, zu jeder Art von Kindergeburtstag eingeladen zu werden. Die Frau des Autors ist auch reizend. Sie liebt es, wenn auch bedingt, pädagogisch sinnvolle Kindergeburtstage zu organisieren. Die Familie des Autors möchte daher bitte nicht in Sippenhaft genommen und von den Einladungskarten gestrichen werden. Innerfamiliär wird die Meinung des Autors sehr kritisch gesehen. Er ist isoliert. Ende.

Zurück zum Horror. Warum Horror? Weil man dem Konkurrenzdruck nicht gewachsen ist. Nicht sein will. Es gibt übrigens auch Kinder, anderswo natürlich, die haben ein paar Dutzend Einladungen hinter sich und wollen den eigenen Geburtstag nun partout nicht feiern. Denn sie ahnen, dass sie sich nur blamieren können. Und es gibt Väter und Mütter, die angesichts einer anstehenden Geburtstagssause nicht nur wegen der logistischen Herausforderung des ewigen Herumkarrens Hautausschlag und Atemnot bekommen, sondern auch wegen der Einladungskarte. Auf der sind die gewünschten Geschenke vermerkt. Das ist praktisch. Aber offenbar gibt es die Kategorie "für unter 50 Euro" nicht. Was nur gerecht ist. Wenn das Kind zurückkommt von der Party, bringt es nämlich noch ein Tütchen in XXXXL-Größe mit: das unvermeidliche Mitgebsel. Darin ruhen, so kunstvoll verpackt, wie man sich das bei Hermès kaum vorstellen kann, Süßigkeiten und Plastikmonsterschrott im Wert von etwas über 50 Euro.

Das mag übertrieben klingen, aber das Wettrüsten rund um das große Happy-Birthday-Ding findet nicht nur im Reich der Superreichen statt, sondern in allen Einkommensklassen. Man kann statt 50 Euro auch 500 oder fünf Euro annehmen: Der Wahnsinn bleibt doch der gleiche.

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