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Kindererziehung:Die Macht der Abstammung

Familienurlaub

Familienurlaub: Großmutter mit Enkeln am Strand.

(Foto: iStockphoto)
  • Die Familie übt großen Einfluss auf die Entwicklung der eigenen Verhaltensmuster auf.
  • Vor allem der Umgang mit Geld, Gefühlen und Ordnung wird durch das Elternhaus entscheidend geprägt.

"Ich zähle jetzt bis drei!" Plötzlich taucht er auf, dieser Satz, den man sich geschworen hatte, nie zu sagen. Ein Satz mit einer lächerlichen Dramatik. Eins, zwei, drei. Und jetzt? Man will doch wissen, wie es weitergeht.

Doch nun, selbst Mutter oder Vater, sagen Eltern, die sich als Kind immer gefragt haben, was nach der Drei passieren wird, diesen magischen Satz: "Ich zähle jetzt bis drei. Eins, zwei, drei . . ." Und wissen auch nicht, was sie machen werden, wenn ihr Kind nicht hört. Sie verheddern sich also in den Erziehungsfloskeln, für die sie die eigenen Eltern früher ausgelacht haben.

Du große Güte, werden wir alle am Ende doch wie unsere Eltern?

Diese Ähnlichkeit fühlt sich für viele wie eine Niederlage an. Wir sehen unsere Individualität infrage gestellt und sind frustriert, weil wir, so weiß es der Volksmund, dem Schatten, den der Baum auf den Apfel am Boden wirft, nicht entkommen können. Bei den Floskeln bleibt es nicht: Noch mehr ärgern wir uns, wenn andere uns unterstellen, eine Kopie made in Elternhaus zu sein. Du bist wie deine Mutter! Doch warum nervt uns das eigentlich so? Und wie kann es überhaupt dazu kommen?

"Der Du-bist-wie-Satz fällt nie im Zusammenhang mit einer positiven Handlung, sondern nur, wenn jemand mit uns unzufrieden ist", erklärt Silvia Dirnberger-Puchner. Die Psychotherapeutin aus Enns bei Linz beschäftigt sich seit Jahren mit Familien und ihren Strukturen. "Es ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit, mit dem der Absender den Umweg über die Eltern nimmt." Dabei verstärke gerade der Schlenker die Botschaft, die uns zuteilwerden sollte. Denn in vielen Dingen werden wir tatsächlich wie unsere Eltern, sagt die Therapeutin.

"Ganz die Mama"

Zwar muss niemand befürchten, nur eine Blaupause zu sein. Doch die Herkunftsfamilie hat Macht über uns, eine sichtbare und eine unsichtbare, da sind sich Experten einig. Es ist das unbewusste Abgucken und Nachahmen von Verhaltensmustern, Gesten, Ritualen von klein auf, das der Familie diese Macht verleiht.

"Ganz die Mama": Was nach der Geburt noch verzückt, wird spätestens in der Pubertät zur Bedrohung. Auch wenn das Kind versucht, sich von der Familie abzugrenzen, hat sich diese Prägung im Gedächtnis verankert. Sie beeinflusst, wie wir über uns selbst und andere denken, was Glück für uns bedeutet, und ob wir glauben, dass wir dieses Glück auch verdient haben.

Silvia Dirnberger-Puchner ist davon überzeugt, dass die meisten Verhaltensmuster, die sich durch unser Leben ziehen, durch Erwartungserwartungen geprägt sind, also den Erwartungen, die sich auf die des Gegenübers beziehen. "Kinder verhalten sich oft so, wie sie glauben, es könnte den Eltern gefallen", sagt sie. Verzichtet jemand auf die eigene Zufriedenheit zugunsten eines anderen und sagt häufig Ja, obwohl er lieber Nein sagen würde, liege das vermutlich daran, dass er als Kind meinte, gelernt zu haben, dass er Zuwendung nur bekommt, wenn er auch funktioniert.

Diese Muster setzen sich durch ihre permanente Wiederholung fest. "Das führt im Gehirn zu neuronal-physiologischen Veränderungen", erklärt Silvia Dirnberger-Puchner. "Gedanken, die wir immer wieder fassen, hinterlassen an dieser Stelle verdickte Synapsenstränge. Kommen wir in Stresssituationen, reagiert diese Stelle durch ihre Ausformung schneller als andere, und so wiederholen wir uns ständig in diesem gelernten Verhalten."