Kinderbetreuung Wie schaffen Erzieherinnen das nur?

Kinder haben alle paar Minuten neue Bedürfnisse. Erzieherinnen und Erzieher gehen meist mit einer Engelsgeduld auf sie ein.

(Foto: dpa)

Schon ein einziges Kind zu betreuen bringt unseren Autor oft fast um den Verstand. Umso bewundernswerter findet er es, welche Arbeit Erzieherinnen in Kitas leisten. Eine Würdigung.

Von Jakob Schulz

Morgens kurz nach sieben: Während andere noch schlafen, haben meine Tochter und ich schon ein halbes Tagwerk vollbracht. Wir haben mit Duplo gespielt, ein Liederbuch durchgearbeitet, den Immobilienteil der Zeitung zerrissen, Frühstück gemacht und das Bücherregal wieder eingeräumt. Die Tischplatte ist mit Bananenschleim, Brotkrümeln und Marmelade eingeschmiert. Es ist frühmorgens und die Wohnung sieht schon katastrophal aus.

Eins zu eins, das ist das Betreuungsverhältnis, wenn ich auf meine einjährige Tochter aufpasse. Traumhafte Bedingungen also, verglichen mit den Umständen, unter denen Erzieherinnen und Erzieher in Krippen und Kindergärten arbeiten. Um bis zu sieben Kinder unter drei Jahren muss sich eine Erzieherin in Deutschland - je nach Bundesland - kümmern.

Nach acht Stunden Eins-zu-eins-Kinderbetreuung klingt für mich ein Tag im Büro mit Konferenzen, Kantine und Kaffee wie Wellnessurlaub. So schön ein Tag auf dem Spielplatz auch sein mag - am Abend bin ich erledigt. Erschöpfter und ausgelaugter, als ein Büro mich je machen könnte.

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Jetzt streiken also die Erzieherinnen und Erzieher in Deutschland, sie wollen mehr Anerkennung und mehr Geld. Ist das gerechtfertigt? Mehr als das: Es ist mir absolut unbegreiflich, wie Erzieherinnen es täglich schaffen, eine Handvoll Kinder pro Person oder mehr zu betreuen, ohne verrückt zu werden.

Ein einzelnes Kind zu füttern, kann im Wahnsinn enden. Der Brei klebt im Gesicht, in den Haaren, in den Augen, in den Ohren, an der Wand. Im Mund landet das wenigste, das Kind bleibt hungrig. Wie machen Erzieherinnen das mit einem halben Dutzend Kinder, die dazu noch alle unbedingt alleine essen wollen?

Mit einem Kind zu spielen, ist eine Herkulesaufgabe. Kaum hat man seinen müden Körper neben die Bausteine gebettet, eilt das Baby zum Bücherregal. Den Geräuschen zerreißenden Papiers nach zu urteilen, fräst sich das Mädchen gerade durch die Reiseführer. Oder im Sandkasten: Neben ziemlich vielen Sandförmchen liegt nur ein bunter, spannender Bagger. Die Stimmung kippt, ein mehrstimmiges Klagen hebt an, sandige Hände reiben verheulte Augen. Wie machen Erzieherinnen das?

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Noch dazu, wo das Füttern, Wickeln und Spielen nur ein kleiner - der sichtbare - Teil ihrer Arbeit ist. Viele scheinen zu vergessen, dass Erzieherinnen und Erzieher Kinder nicht nur sauber halten und irgendwie beschäftigen müssen, sondern im besten Falle auch "Beziehungsarbeit" leisten. Es geht darum, eine stabile Bindung zu den Kindern aufbauen, eine verlässliche Bezugsperson für sie zu sein. Und mit all den Emotionen und Bedürfnissen fertig zu werden, die so ein kleiner Mensch hat. Oft sind es alle paar Minuten neue.

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Mein Kind geht noch nicht in die Kita. Doch schon jetzt habe ich einen Heidenrespekt vor der Arbeit, die Erzieherinnen und Erzieher täglich leisten müssen. Manchmal spazieren meine Tochter und ich an einer der Kitas in unserem Viertel vorbei. Wie zufällig lasse ich dann den Blick schweifen: Ein Kind füttert seinen Spielkameraden mit Steinen. Ein Mädchen stürzt sich kopfüber die Rutsche hinunter. Ein Junge pflückt alle Triebe der Hecke und wirft sie durch den Zaun.

Wie halten Erzieherinnen das nur aus? Ich finde: Gebt diesen bewundernswerten Menschen, was immer sie wollen.

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