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Kinder von Samenspendern:Die Suche geht weiter

Doch ihre Suche geht weiter. Zwar kreise nicht jeder Gedanke darum, sagt Jule. Sie hat eine Führungsposition im Gesundheitswesen, Elisa ist Übersetzerin, "wir sind beide bodenständig, haben unseren Alltag."Aber das Rätsel ist nun in ihrem Leben. Mal als Schmerz, mal als Hoffnung, mal sei da einfach nur das Traumbild eines Vaters. Sie würde den Spender nicht als Ersatzvater ansehen, sagt Jule, nur als das fehlende Teil, um die Lücke zu schließen. "Ich will einfach wissen, ist das ein cooler Typ, hat er studiert, passt er in das Bild des Wunschvaters, das ich mir mache".

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    Aminah war Single und wollte ein Baby. Sie entschied sich für eine anonyme Samenspende - lernte den Mann dazu aber doch noch gut kennen.

Die Nachforschungen waren ernüchternd. Die Gemeinschaftspraxis in Düsseldorf gab es nicht mehr. Jule telefonierte sämtliche Behörden ab, die kassenärztliche Vereinigung, keiner konnte ihr helfen. Jede Frage führte zu noch mehr Fragen. Die Mütter wussten auch nichts mehr und hatten vieles wohl verdrängt. Eine erinnerte sich noch an Holzkästen mit Karteikarten, auf denen vermutlich die Namen der Spender notiert wurden. Irgendwann erreichte Jule einen der früheren Ärzte am Telefon. Ein alter Herr, er hatte den Krieg erlebt. Er sagte: Sie haben zwei Hände und zwei Beine, seien Sie froh, dass Sie am Leben sind. Jules Stimme zittert ein wenig, als sie das erzählt. Andererseits kann sie ihn verstehen. Er spricht aus der Zeit, in der die ersten Spenderkinder gezeugt wurden. Man wollte, dass es neues Leben gibt, Wunschkinder. "Dass die eines Tages reife Erwachsene sind und Fragen stellen - diese Weitsicht hatte man damals nicht."

Die Spur führt zum Sohn

Jule zeigt auf ihrem Handy E-Mails und Schriftwechsel ihrer Suche. Irgendwann stieß sie auf einen Reproduktionsmediziner in Hamburg mit demselben Nachnamen wie einer der Ärzte aus der Düsseldorfer Praxis. Jule ruft die Homepage auf. Man sieht ein lachendes Kind, liest von Kinderwunschbehandlungen wie In-vitro-Fertilisation und donogener Insemination. "Da ist einer in die Fußstapfen seines Vaters getreten", sagt Jule. Es klingt zugleich nüchtern und wehmütig, aber auch nach einem Funken Hoffnung. Wo ein Sohn ist, ist auch ein Vater.

Weiß dieser Arzt vielleicht, was mit den Unterlagen aus der Praxis in Düsseldorf geschah?

Anruf bei Markus S. Kupka vom Kinderwunschzentrum Altonaer Straße. Eine ruhige, ärztliche Stimme. 1000 Reagenzglasbefruchtungen im Jahr führe man in dem Zentrum durch, erzählt Kupka, dazu 300 bis 400 Spendersamenbehandlungen. Die Bereitschaft von Männern, Samen zu spenden, sei trotz der neuen Rechtslage ungebrochen. Kupka fragt sich manchmal, wer die Männer sind, die ihren Samen zur Verfügung stellen. Er persönlich würde wohl nicht Spender werden, "da wäre mir die Verantwortung zu groß".

Keine Informationen, der Vater verstorben

Stimmt es denn, dass sein Vater ebenfalls Reproduktionsmediziner war? Ja, sagt Kupka, von ihm habe er gelernt, "dass man mit mutigem Nachdenken etwas weiterbringen kann". Weiß er vielleicht, wo die Karteikarten aus der väterlichen Praxis sind? Nein, sagt Kupka. Seit 2007 müsse man Unterlagen über eine Samenspende 30 Jahre lang aufbewahren. Davor lag diese Frist bei zehn Jahren. Er verstehe das Anliegen von Elisa und Jule, aber die Unterlagen seien wohl vernichtet. "Ich habe keine Informationen, und mein Vater ist verstorben."

Elisa und Jule wollen nicht hinnehmen, dass die Suche nach ihrem Vater bei einem Sohn enden soll. Sie hätten das Recht, ihre Herkunft zu kennen, sagen sie und überlegen, ob sie jemanden auf Herausgabe von verbliebenen Akten verklagen sollen, wie es andere Spenderkinder getan haben. Oder einfach das Gespräch mit dem Sohn suchen.

Generell fordern Elisa und Jule ein zentrales Register wie in Großbritannien, in dem Kinder von Samenspendern Auskünfte über Verwandtschaftsverhältnisse einholen können. Und dass die Informationen nicht nur in den Händen von Ärzten sind, denjenigen, die schon die Entstehung ihres Lebens möglich gemacht haben.

Es ist spät geworden im Berliner Straßencafé. Die Familien am Spielplatz packen zusammen, auch Elisa muss weiter. Als Übersetzerin ist sie manchmal auf Botschaftsempfängen. Bevor sie hingeht, werden ihre Personalien gecheckt. Elisa sagt, das sei schon komisch, "da wird man bis aufs Letzte vom Staat durchleuchtet, aber seinen Vater finden kann man nicht." Sie muss lachen.

Bis ihr Blick wieder auf Jule fällt, ihre Haare, ihre Haut. Und sie wieder an das Rätsel ihres Lebens erinnert wird, das sich vielleicht niemals lösen lässt.

© SZ vom 19.09.2015

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