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Kinder und Handys:Die Erwachsenen machen es vor

Dass Kinder sich als Teil dieser Welt begreifen, ist logisch. Die heutige Kindheit unterscheidet sich vollkommen von jeder früheren, und das liegt an der Rolle der Medien - und auch daran, wie die Erwachsenen mit Medien umgehen. Beim Frühstück erleben Kinder, wie Eltern ihre Mails checken, die Sprechstunde googeln und online den Arzttermin vereinbaren.

In vielen Wohnzimmern stehen heute keine Bücherregale mehr, es dominiert ein riesiger Bildschirm, dazu die Spielekonsole und hier und da auch schon ein Sprachsteuerungsgerät wie "Alexa", mit dem die ganze Familie kommuniziert ("Alexa, wann macht das Freibad auf?"). Besonders Progressive optimieren ihre Wohnung zum "Smart Home", in dem der Kühlschrank automatisch Nachschub bestellt, wenn die Tiefkühlpizza aus ist.

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Und in einer solchen Welt sollen Kinder davon träumen, im Heuhaufen zu hüpfen? In der Schule und vor allem in der Freizeit dreht sich alles um Computerspiele, Chats, Videos und Musik. "Der Kommunikationsalltag ist von Medien derart durchdrungen, dass diese an der Konstruktion sozialer Welt genuin mitwirken", sagt etwa die Leipziger Professorin für Medienkompetenz, Sonja Ganguin. Weniger geschwollen ausgedrückt bedeutet das: Was Kinder machen, fühlen, denken, sprechen, wird von Medien bestimmt. Wundert es jemanden, dass reales und virtuelles Erleben sich bei ihnen immer weiter annähern?

Was gerade besorgte Eltern oft übersehen: Längst nicht alles, was in den Spielen und Filmen auf die Kleinen einstürzt, ist bloßer Konsum. Vieles fordert Kreativität, Fantasie, Teamgeist. Es ist lohnend, sich von den Kindern einmal erklären zu lassen, was sie denn an ihrem aktuellen Spiel so faszinierend finden. Oder es selbst einmal auszuprobieren. Wer gegen den eigenen Sohn bei "Fifa 17" heillos untergegangen ist, begegnet Computerspielen plötzlich mit größerem Respekt. Wer die Tochter beobachtet, mit welcher Leidenschaft und Kreativität sie bei "Minecraft" ein Hochhaus baut, wird nicht mehr leichtfertig von Verblödung reden.

Auf der anderen Seite ist natürlich unbestreitbar, was Digitalkritiker wie Michael Winterhoff beklagen. Oft kapitulieren Eltern vor dem ständigen Wunsch der Kinder nach Bespaßung mit Handy oder Tablet. Statistiken belegen, dass Kinder auf den übermäßigen Konsum digitaler Medien mit Unkonzentriertheit, Hyperaktivität oder Sprachentwicklungsstörungen reagieren. Die Frage ist: Was bedeutet "übermäßiger Konsum"?

Die Medieninitiative "Schau hin!" des Bundesfamilienministeriums gibt einen recht vernünftigen und realistischen Richtwert vor. Zwischen dem sechsten und neunten Lebensjahr: eine Stunde am Stück. Danach zehn Minuten pro Lebensjahr. Es ist also normal, wenn ein Zwölfjähriger zwei Stunden vor seinen Geräten sitzt. Für manchen Erziehungsberechtigten, der sein Kind schon panisch auf dem Weg zur Computersucht sieht, sind solche Zahlen beruhigend. Die Experten von "Schau hin!" konstatieren auch: "Entgegen dem weit verbreiteten Alarmismus ist der Anteil Jugendlicher mit exzessiver Mediennutzung relativ klein." Und selbst diese sei "oft vorübergehend".

Und, wer weiß, vielleicht bekommen die Kinder vom realen Leben doch mehr mit, als die Erwachsenen glauben. Die Teenager aus dem Motorschiff in Venedig jedenfalls berichteten ihren Freunden nach dem Urlaub so lebendig von den Kanälen und Gondeln dieser Stadt, als würde es sich um ein spannendes Computerspiel handeln. Denn eines haben sie ihren Eltern voraus: Sie ersparen sich den Stress, das eine gut und das andere böse zu finden. Sie sind die Grenzgänger zwischen realer und virtueller Welt.

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