Kinder und Gaming:"Da nehmen Fremde ein paar Minuten an unserem Leben teil"

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Bin ich paranoid, weil mich so was beschäftigt? Oder bin ich rechtmäßig besorgt, so wie Millionen anderer Eltern gerade besorgt sind? Da nehmen Fremde ein paar Minuten an unserem Leben teil, wenn mein Sohn ihnen etwa mitteilt, dass er später Baseball spielen wird, dass Mama gerade Nudeln kocht oder dass Papa mal wieder unglaublich nervt.

Selbst Experten sind da sehr unterschiedlicher Meinung. "Es ist eine Pseudo-Freundschaft", sagt der Psychologe Mohandie: "Bitte nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus tief gehende Cyberbeziehungen. Eine Freundschaft definiert sich jedoch nicht nur durch das gemeinsame Interesse an einem Computerspiel." Die beste Freundin des Kindes solle niemand sein, den es nur online kennt, rät er. Das könne zu einem gefährlichen Rückzug aus der wirklichen Welt führen.

Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Finn, im wahren Leben ein hyperaktiver Sportler und von seiner Lehrerin als höflich beschrieben, verwandelt sich beim Spielen zum Gangsta-Rapper. Er verwendet andere Wörter. Ein Kumpel heißt nicht mehr "Dude" sondern: "Bruh", auf deutsch: "Alta". Er taucht in diese fiktive Welt ein und interessiert sich kaum noch dafür, was um ihn herum passiert.

Die Psychologin Catherine Steiner-Adair, Autorin des Buches "The Big Disconnect", in dem es um Entfremdung durch Digitalisierung geht, sieht trotzdem auch positive Effekte des Spiels: "Wir haben beobachtet, dass sich Kinder intensiver unterhalten, weil sie den anderen nicht kennen und weder Mimik noch Körpersprache interpretieren können. Das bedeutet: Sie hören einander tatsächlich zu." Dieses intensive Zuhören übe die reizüberflutete Jugend nur noch selten, die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne von Kindern sei in den vergangenen 20 Jahren um vier Sekunden gesunken: "Die Konzentration auf das gesprochene Wort trainiert das Gehirn, dazu lernen sie Teamwork und Gleichberechtigung."

Aussehen oder Geschlecht spielen keine Rolle

Auch das stimmt: Unser Sohn hat, was Wünsche der Eltern im wahren Leben angeht, ein unfasslich schlechtes Gehör - während einer "Fortnite"-Runde ist er aufmerksam, hilfsbereit, zuvorkommend.

Dritte und erstaunlichste Beobachtung: Es scheint niemanden zu kümmern, wie jemand aussieht, woher jemand kommt, ob jemand teure Klamotten trägt. Es gibt keinen Zwang zur optischen Selbstoptimierung, wie das auf sozialen Netzwerken üblich ist. Selbst das Geschlecht ist beim Spielen unbedeutend, mein Sohn wusste lange noch nicht einmal, dass Kitten471 ein Mädchen ist - und es ist ihm auch egal.

Erwachsene sind ja darauf konditioniert, alles Neue und Unbekannte erst einmal für einen Hinweis auf das Ende der Zivilisation zu halten. Erst kürzlich gab es Berichte darüber, dass eine 33 Jahre alte Frau aus Arizona einen 14 Jahre alten Buben bei einem Online-Spiel kennengelernt hat. Sie schickte ihm Nacktfotos von sich und lud ihn zu einem Sextreffen ein. Oder dass ein Einbrecher in Texas beim scheinbar harmlosen Dialog während des Zockens die Adresse des Mitspielers und günstige Zeiten für einen Diebstahl erfragt hat. Da klingt es ja schon fast harmlos, wenn einem ein Fremder beim gemeinsamen Spielen die 15 schlimmsten Schimpfwörter der englischen Sprache entgegen schleudert.

Was also tun?

Wir haben unsere Regel für den Umgang mit "Fortnite" erweitert. Gespielt wird nur am Wochenende und nur mit Gleichaltrigen, beim ersten unfreundlichen Wort meines Sohnes wird die Konsole ausgeschaltet. Er darf Online-Freunde haben, so lange er die Kumpels im realen Leben nicht vernachlässigt. Ich habe keine Ahnung, ob mich das zum Vater oder Idioten des Jahres macht - je nach Psychologe ist beides möglich. Als ich diese Woche ins Wohnzimmer gekommen bin, hat mein Sohn nicht "Fortnite" gespielt, sondern sich mit Kitten 471 unterhalten - auffällig lange über den Unterschied zwischen Freundin und guter Freundin und natürlich auch darüber, dass Papa wieder so unglaublich nervt.

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