Kinder und digitale Medien Wann es ernst wird mit der Mediensucht

Wann kann man von einer echten Sucht sprechen?

Nicht, solange der Jugendliche weiterhin einem Tagesablauf folgt, also in die Schule oder zur Arbeit geht, Freunde trifft, geregelte Mahlzeiten zu sich nimmt. Von einer Abhängigkeit sprechen wir erst, wenn eine Person ihr Suchtmittel nicht in ihren Alltag integriert, sondern ihr Leben darum herum organisiert, so dass es zum Lebensmittelpunkt wird und Grundbedürfnisse ignoriert werden. Wenn ein Kind "in jeder freien Minute" am Handy hängt - was genau bedeutet das? Wirklich jede Minute? Oder in den Zeiträumen nach dem Fußball, auf dem Weg zum Klavierunterricht, vor dem Abendessen? Wo ist in dem Fall das Problem? Schädlich wird es erst, wenn jemand auf all das zugunsten des Handys verzichten würde.

Woran erkennen Außenstehende, dass das der Fall ist?

Wer wirklich spielsüchtig ist, folgt seiner Sucht - genau wie Kettenraucher oder Alkoholiker -, sobald er wach ist. Er spielt, bevor er frühstückt - oder stattdessen. Er setzt sich an den Computer, statt in die Schule zu gehen, isst vor dem PC, vernachlässigt sich und seine sozialen Kontakte. Von den älteren pinkeln manche in eine Flasche, die sie unter dem Tisch deponiert haben, und lassen sich Essen liefern, um keine Zeit mit Kochen zu vergeuden. Sie schlagen sich die Nacht um die Ohren und reflektieren das nicht einmal - ihr schädigendes Verhalten erzeugt keinen Leidensdruck.

Wie geraten Kinder eigentlich in diesen Sog?

Es gibt drei Motive, warum Kinder und Jugendliche digitale Medien nutzen: Langeweile, Stressabbau und Pflege von Sozialkontakten - das ist erst mal nicht verwerflich. Wenn sich Handy und iPad jedoch ständig in unmittelbarer Nähe befinden, wird der erste Impuls sein, nach dem Gerät zu greifen. Alternativen haben so kaum eine Chance. Darüber hinaus muss man leider sagen: Kinder lernen am Modell. Digitale Medien sind omnipräsent in der erwachsenen Gesellschaft - und der Nachwuchs orientiert sich daran. Wenn Eltern sich mit dem Smartphone an den Tisch setzen oder es nicht schaffen, ihr Kind in der Krippe abzugeben, ohne das Gerät vom Ohr zu nehmen, ist das ein problematisches Modellverhalten. Die Selbstkontrolle spielt eine entscheidende Rolle. Eltern sollten erst einmal prüfen, wie sie selbst mit dem Medium umgehen.

Sollten Eltern auch mal mit ihrem Kind zusammen am PC spielen?

Es würde zumindest dazu führen, dass sie etwas besser Bescheid wissen und somit in den Augen ihrer Kinder glaubwürdiger sind. Die meisten Jugendlichen denken: Die haben ohnehin keine Ahnung, woher sollen sie wissen, was ich da mache?

Wieviel dürfen oder sollten Eltern sich einmischen und reglementieren?

Eine Steuerung durch die Eltern bis zu einem gewissen Alter ist ohne Zweifel notwendig. Die Selbstregulation ist bei Kindern noch nicht ausgeprägt, daher sind sie darauf angewiesen, dass jemand einen fürsorglichen Blick auf sie wirft. Jugendliche haben zwar meistens mehr Medienkompetenz als ihre Eltern, jedoch keinerlei Kompetenz hinsichtlich der Auswirkung ihres Medienkonsums. Das wird oft verwechselt.

Wie sieht so eine "fürsorgliche Steuerung" aus?

Die Kinder gehen einen Kompromiss ein und nehmen Begrenzungen an - was wiederum voraussetzt, dass diese nicht so extrem sind, dass die Mediennutzung auf Null gesetzt wird. Im Grunde ist es wie bei allen Erziehungsfragen, zum Beispiel in Bezug auf Schlafenszeit oder Süßigkeitenkonsum: Es macht einen Unterschied, ob ich mein Kind zwinge, zu essen, was ich ihm vorsetze. Oder ob ich ihm sage: Du solltest dich gesünder ernähren.

Wie kann ich mein Kind konkret dabei unterstützen, sich selbst zu regulieren?

Indem ich versuche, ihm ein Gespür für das eigene Nutzverhalten zu vermitteln. "Musst du wirklich immer erreichbar sein? Hältst du es auch mal aus, wenn das Handy aus ist?" Solche Fragen sollten Eltern immer wieder als Mittel der Selbstregulierung einbringen. Eine weitere wichtige Regel: Wenn man Leuten etwas nimmt, muss man ihnen eine passende Alternative bieten. Sonst erreichen Sie höchstens einen Machtkampf und Boykott.