Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
meine Tochter, sieben Jahre, besucht im Moment eher ungern Freundinnen mit älteren Geschwistern. Warum? Die könnten ja schon „Tubertät haben“ – in ihren Augen offenbar eine Art ansteckende Krankheit. Sie hält da lieber den aus Corona-Zeiten bekannten und von Virologen empfohlenen Mindestabstand von 1,5 Metern – oder meidet die Kontakte mit Infizierten gleich komplett. Genauso rückt sie beim abendlichen Wutanfall ihres zehnjährigen Bruders von ihm weg und raunt mir mit wissendem Blick zu: „Der hat Frühtubertät.“
Sie weiß übrigens ganz gut Bescheid darüber, dass der Storch nichts mit Babys zu tun hat, Erwachsene Sex auch zum Spaß haben und man sich deshalb vor Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften schützen sollte. Mit ihr darüber so offen zu sprechen, war eine Überwindung, aber geholfen hat uns Marc-Uwe Kling mit seinem Buch „Der Tag, an dem Papa ein heikles Gespräch führen wollte“. Eine so unterhaltsame Lektüre, dass Eltern ziemlich sicher ihre Hemmungen vor heiklen Gesprächen verlieren.
Und obwohl meine Tochter kein Problem hat, Penis statt Pillermann und Vagina statt Mumu zu sagen, gibt es offenbar etwas, was ihr Sorgen bereitet. Zum Muttertag überreichte sie mir einen Gutschein „10 Mal Kuscheln“ mit dem Hinweis, ihn rasch einzulösen, am besten bevor sie in die „Tubertät“ komme, denn dann wolle sie ja nicht mehr mit ihren Eltern kuscheln. Es sind wohl eher nicht die irgendwann wachsenden Brüste und Haare am Körper, die ihr Unbehagen bereiten, sondern das sich verändernde Eltern-Kind-Verhältnis. Und da kann ich sie gut verstehen.
Ich frage mich auch schon, wie diese besondere Zeit unsere Beziehung verändern wird. Tipps für Eltern, die für mehr Gelassenheit und Verständnis plädieren, stehen in diesem noch immer aktuellen Text meiner Kollegin Katja Schnitzler.
Aber eigentlich möchte ich meiner Tochter sagen, dass diese Jahre der Veränderung, des Erwachsenwerdens auch eine ganz tolle Zeit sind. Eine, in der man seine Freiheit entdeckt, sich ausprobiert, auch mal falsche Entscheidungen trifft. Und wie toll es ist, wenn man sich zum ersten Mal zu verliebt. Mein Kollege Marcel Laskus hat hier ganz wunderbar aufgeschrieben, wie sich Teenager in dieser Zeit fühlen und was sie denken (SZ Plus). Ein Jahr lang hat er drei Jungs zugehört. Vielleicht erinnern Sie sich nach der Lektüre auch an die schönen Dinge aus der Zeit Ihres eigenen Heranwachsens – oder aus der Zeit mit Ihren pubertierenden Kindern? Schreiben Sie mir, damit ich meiner Tochter davon erzählen kann!
Ein schönes Wochenende wünscht
Kerstin Lottritz

