Streit um Café Schnuller verboten

Wie schlimm wäre es, wenn alle Kinder immer so sittsam wären wie auf diesem Bild von 1904 aus Paris! Dann gäbe es ja gar nichts mehr zum Aufregen.

(Foto: ullstein bild/Getty Images)

Eine Gastronomin will keine Kinder unter sechs Jahren in ihrem Café haben. Die Wortschlacht zwischen "Kinderfeinden" und "Supermuttis" sagt viel aus über unsere hypersensible Gesellschaft.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Es gibt ja glücklicherweise so viele Cafés auf dieser Welt, unter anderem im schönen Hamburg. Das hat für Kunden mit Handicap den Vorteil, dass sie ihren Hochland-Espresso mit Hafermilch lässig eine Ecke weiter trinken können, wenn sie irgendwer nicht zu Gast haben will. So gesehen hätte dieses Lokal mit der Kinderbremse keine größere Aufmerksamkeit verdient, aber andererseits muss man als Gastronomiebetrieb halt irgendwie auffallen. Durch besonders gutes Essen zum Beispiel, durch besonders cooles Ambiente. Oder wie wäre es damit: #Schnullergate?

Das Kennwort bekam die Debatte um das Café "moki's goodies" verpasst, seit die Hausordnung die Runde machte. Das "Frühstücks- und Brunch-Restaurant", wie es sich nennt, verweist auf seiner Homepage auf "Love Peace and Happiness" und auf seinen "entspannten Mix aus Soulfood und Superfood", darunter Açaí-Smoothie Bowl und Shakshuka. Man erfährt auch: "keine Hunde und Kinderwagen im Innenbereich" (Hunde "gerne auf der Terrasse"), außerdem: "leider nicht barrierefrei, weil Altbau". Verbotsschilder für Kinderwagen, Buggys und Hunde sind unter den Schriftzügen "delikat.essen" und "frisch.gut.mit liebe" auch an den hohen Scheiben der derzeit etwas ramponierten Fassade zu finden. Und, jetzt kommt's: Reserviert werden kann online "für Lovely Guests Only", für "Erwachsene & Kinder ab 6 Jahren".

Das Café „moki’s goodies“ in Hamburg, ein „Frühstücks- und Brunch-Restaurant“: An den Fenstern und auf der Fassade sind noch Farbreste zu erkennen.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Unter sechs Jahren also nicht. Skandal! So diskutiert Hamburg seit Tagen über "das erste Kinderverbot in einem Café" (Hamburger Morgenpost), genauer gesagt das, soweit man weiß, erste Verbot der Reservierung für Kinder unter sechs Jahren in einem Hamburger Café. Die Folge, erwartungsgemäß, zunächst: Shitstorm und Applaus - die Causa steht stellvertretend für gesamtgesellschaftliche Meinungsunterschiede zum Umgang mit noch nicht so großen Menschen, die außer süß zuweilen laut sind.

"Willkommen in Deutschland ... habe ich sonst noch in keinem anderen Land so erlebt", twittert eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder, "aber gut ... da muss frau ja nicht hingehen". - "Wenn ich alleine unterwegs bin, meide ich auch Cafés die voll sind mit Kleinkindern", twittert ein "Vater von zwei Kindern (5&2)". Selbst im Bewertungsportal Tripadvisor schlägt sich die Sache bereits nieder. "Im Grunde armselig, aber immerhin ist man so in der Presse." - "Es gibt genügend Mütter und sonstige Gestalten", die Reaktion des Restaurants sei "absolut richtig".

Mitten in diesem Sturm kam dann der Tag, an dem sich die Besitzerin zu Wort meldete. "Jetzt mal ehrlich - es reicht", schrieb sie. "Liebe Supermuttis, ich finde, es ist an der Zeit, die Verhältnismäßigkeit dessen, was Ihr hier seit einigen Tagen im Netz veranstaltet, ernsthaft in Frage zu stellen." Da werde ihr Unternehmen "mit erstaunlicher verbaler Aufrüstung und Feindseligkeit" verurteilt - übertrage man das "von den Muttis im Internet zu Schülern auf dem Pausenhof, dann wäre die Bezeichnung glasklar Mobbing". Sie sei selbst Mutter, habe Tochter, Patenkind, Nichten und Neffen. "Kinderfeindlichkeit zu unterstellen ist also schon mal Blödsinn." "Zweitens: Das moki's goodies ist kein spendenfinanziertes demokratisches Mutter-Kind-Projekt, sondern ein Restaurant, für das ich mir ein Konzept überlegt und in das ich mein privates Geld investiert habe. Weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen möchte, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen."

Mit Farbe besprüht

Die Replik gefiel, Stand Montag, 3801 Mal. Erster Kommentar darunter: "Die Initiative, Kinder unter 6 Jahren auszuschließen, finde ich toll! Als Kinderlose gehe ich auch nicht in ein Mütter-Café (von denen es in HH ja genügend gibt)."

Dann war "moki's goodies" am Freitagmorgen mit schwarzer und weißer Farbe besprüht. "Kevin 6 Jahre!" stand quer über dem Eingang, dazu ein trauriger Smiley auf einem Fenster. Täter: unbekannt. "Heute leider eingeschränkte Sichtverhältnisse", postete "moki's goodies". "Danke Kevin", gutes Frühstück gebe es trotzdem.

Es geht bei dem Hamburger Aufreger mal wieder um deutsche Befindlichkeiten, da steigen auch Vandalen ein. Anderswo würden sich Kaffeehausleute kaum einfallen lassen, Nachwuchs auszuschließen; in Argentinien oder Italien stört ein Buggy nun wirklich kaum einen. Im jenseits des Straßenverkehrs hypersensiblen und regelfreudigen Deutschland wird es eben rasch kompliziert. Da kann man ohne Weiteres in einer Gaststätte den Hinweis erhalten, der Kinderwagen passe nicht rein. Der Hund am Nebentisch aber schon? Ja, der schon. Bei "moki's goodies" müssen immerhin Hunde und Kleinkinder draußen bleiben.

Erlaubt sind solche Eigenheiten natürlich, die Eigentümer haben Hausrecht. Vielleicht gibt es bald Kneipen, wo Männer nur unter 67 und Frauen nur zwischen 21 und 25 hineindürfen. Das Lokal "Oma's Küche und Quartier" auf Rügen rühmt sich: "Das erste kinderfreie Restaurant in Binz und auf ganz Rügen, zumindest ab 17.00 Uhr - Gäste ab 14 Jahre herzlich willkommen!"

Bei "moki's goodies" sind die Scheiben nach der Farbattacke wieder sauber, Rahmen und Mauer noch nicht ganz, die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Die Inhaberin ist mittags nicht da, das Café ruhig und gut gefüllt mit Lovely Guests. "Wait to be seated", steht auf einem Schild, es riecht nach Kuchen und Mittagstisch. "Es gibt immer einen Teil der Plätze, der nicht reservierbar ist", heißt es im Netz. "Spontan vorbeischauen lohnt sich also im Zweifel auch." Reservierungen ab sechs Jahren, wie gesagt.

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