Kinder - der ganz normale Wahnsinn:Was machen Schmidts anders?

Was er da mache? "Nicht verraten, ich baue mir ein Baumhausversteck!" Ob er Räuber spiele? "Nein, ich verstecke mich vor den Hausaufgaben." Die Haustür gegenüber öffnet sich, die Nachbarsmutter blickt sich suchend um, ob man ihren Sohn gesehen habe, der saß doch gerade noch an seinen Schularbeiten?

Die Eltern werfen einen Blick hinter sich: Auf dem Tisch liegt einsam das Rechenheft, die Terrassentür steht offen. Auch ihr Kind ist entwischt. Es verschwindet gerade um die Ecke, Richtung Spielplatz.

Dort treffen sich aufgebrachte Eltern aus der ganzen Siedlung, sie sind auf der Jagd nach den Hausaufgaben-Flüchtlingen. Nachmittag für Nachmittag derselbe Ärger, rufen sie aufgebracht, während sie das hölzerne Spiel-Piratenschiff umstellen, auf das sich die Kinder geflüchtet haben und ihre Freiheit mit Sandwürfen verteidigen. Doch gegen die zur Schulkarriere entschlossene Elternschaft haben sie keine Chance. Nach zehn Minuten ist das Schiff geentert, ein Kind nach dem anderen wird zurückgeschleppt. Ein besonders findiger Vater hat ein Lasso dabei, falls seine Tochter einen weiteren Fluchtversuch unternimmt.

Während sich das Schulkind nun mehr oder weniger in sein Schicksal fügt und zurück am Tisch beschließt, dass zwölf plus sieben eindeutig siebzehn sein muss, unterhalten sich die Nachbarseltern. Ihnen ist aufgefallen: Der Sohn von Schmidts vorne an der Ecke, den haben die nachmittags noch nie vom Piratenschiff holen müssen. Was machen seine Eltern anders?

Die Elternschaft schleicht sich zum Haus der Schmidts. Durch ein Fenster sehen sie Schmidts Sohn: Brav beugt er sich über seinen Aufgaben und lässt sich offenbar von nichts ablenken. Er steht nicht einmal alle zehn Sekunden auf, um zu trinken, Nase zu putzen oder aufs Klo zu gehen. Nein, er bleibt einfach sitzen. Die Eltern vor dem Fenster sind kurz davor, einen spontanen Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln, da verlässt Frau Schmidt den Raum.

Sofort springt Schmidts Sohn vom Stuhl, schüttelt aus seinem Ärmel eine Feile und fängt hektisch an, seine Fußkette zu bearbeiten. Die war den Eltern vor dem Fenster ganz entgangen. Mit einem leichten Lächeln gehen sie heim. Schmidts sind doch keine Ausnahme. Zwei Tage später sehen sie den Sohn wieder. Ganz oben auf dem Piratenschiff.

Expertentipps zum Thema Hausaufgaben: Wie Kinder ihre Schularbeiten schnell und konzentriert erledigen und warum Eltern nicht daneben sitzen sollten, erklärt Schulamtsleiterin Georgine Müller.

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